Ansprache zur Eurythmie,
Neuere Kunstrichtungen sind der Impressionismus und der Expressionismus. Wenn ein Maler nebeneinander die Farbenpunkte so setzt, dass in einer gewissen Entfernung für das Auge ein Eindruck entsteht, wie er sonst durch Licht, Materie und Schlagschatten entsteht, dieses Ineinander-Flimmern wird durch den Impressionismus erzeugt. Im Expressionismus wird darauf gar nichts gegeben, sondern nur auf das, was in der Seele des Künstlers gewissermaßen hellsichtig erlebt wird. Es wird erreicht durch gewisse Farbenzusammenstellungen. Expressionismus ist genau entgegengesetzt dem Impressionismus. Es braucht einem nur zu gefallen, was der Künstler in seiner Seele durchlebt hat. Die Dichtkunst ist in ausgesprochenem Maße eine impressionistische, die Tanzkunst dagegen eine expressionistische Kunst. Gerade durch die Ausdrucksformen der Tanzkunst kommt das Seelische im Menschen zum Ausdruck. In den letzten Jahren wirkte die Dichtkunst zusammen mit der Eurythmie. Dadurch wirkt gerade das Impressionistische zusammen mit dem Expressionistischen und das trat wie eine Forderung auf. Anfangs glaubte man, das Rezitieren sollte ganz zurücktreten. Dadurch aber, dass beides zum Ausdruck kommt, werden zwei Empfindungsströme in der menschlichen Seele erzeugt. Die eine Strömung ist die, dass man eine leise Furcht und die andere die, dass man ein leises Schamgefühl hat. Dass die zwei wie entgegengesetzte Pendelausschläge ausschlagen, dass man immer hin und her schwingt zwischen den zwei Empfindungen, das ist es gerade, was sein soll. Das eigentümlich harmonische Zusammenwirken kommt dadurch zustande, bald tönt das eine vor, bald das andere. Man hofft, dass aus der Eurythmie etwas herauskommen kann, wovon wir uns jetzt noch keine Vorstellung machen können, was sich dann aber auch exponieren, öffentlich sehen lassen kann. Umgegriffen hat gerade in der Zeit allerlei Tanzliches, worüber die Menschheit eine geistige Magenverstimmung erhalten hat. Die Terpsichoritis gehört auch zu dem, was die Menschheit in den letzten Jahren befallen hat. Wenn Eurythmie vorgeführt wird, da macht man mit dem Ätherleib mit - soll man das tun? Was das Gedicht nicht sagt, da kann manchmal die eurythmische Umsetzung auf Hintergründe hinweisen, die sonst verborgen bleiben, herausstellen kann sie, was durch den Dichter wirkt, und was nicht durch Worte gegeben werden kann. Dasjenige kommt dadurch aus dem Kunstwerk heraus, was sonst nicht geoffenbart würde.
Cite:
GA 277a/1918-02-13/p007 · edition original