Ansprache zur Eurythmie
Dann aber lebt in demselben Teil des Bildekräfteleibes des Menschen außer diesem In-Bewegung-sich-Befindlichen noch Zurückgehaltenes, das, was durch unsere Seele zieht, indem wir fühlen, indem wir Willensimpulse empfinden, die in Handlungen übergehen können oder auch nur empfunden werden. Das alles kommt nicht in derselben Weise im Bildekräfteleib des Kehlkopfes zum Ausdruck wie das Wort, der Ton selbst, sondern es kommt so zum Ausdruck, dass es sehr gestaltenhaft ist. Wir tingieren, wir durchdringen unsere Sprache und unser Singen mit dem Willenston. Das geht aber nicht in die Bewegung über, das stockt gewissermaßen die Bewegung. Im Ätherleib ist es so, dass bei einem bestimmten Laut ein Schwung, irgendeine Bewegung ausgeführt wird. Gefühl kommt in die Sache hinein dadurch, dass diese Bewegung in bestimmter Weise abgestumpft wird und in Bewegung eine Form entsteht. Während die Bewegungen des Ätherleibes direkt abgebildet werden durch unsere Eurythmie, wird das, was im natürlichen Sprechen steckt, sich in die Töne ergießt, das wird in der Eurythmie versucht, aufgelöst zu werden, herausgesetzt zu werden. Also, wir setzen in der Eurythmie wirkliche Bewegung um in Bewegungen der menschlichen Gliedlichkeit, oder wir lösen solche Bewegungen, die latent sind, während der Mensch spricht, in wirkliche Bewegungen, in Bewegungen, die dann der menschliche Organismus außerhalb seiner Gliedlichkeit ausführt durch Beugen des Kopfes nach vorwärts und rückwärts, oder dadurch, dass wir Gruppentänze machen. Aber Sie schen, dass, was wir machen, nicht irgendetwas Erfundenes ist, sondern ein Abbild dessen, was im menschlichen Organismus vorliegt. Dadurch geht man zurück wirklich auf die Prinzipien des alten Tempeltanzes; denn alles das, was ursprünglich wirklich Tempelkunst war, hatte zu seinem Prinzip die Durchdringung des menschlichen Lebens mit der Gewalt des Wortes. Aber unter «Wort» wurde nicht das verstanden, was wir verstehen können darunter, sondern die im Sphärenklang die Welt durchtönende Weisheit, die sich auf den verschiedensten Gebieten zum Ausdruck bringt, die einen reinen Ausdruck hat in der menschlichen Sprache, einen etwas abstrakteren Ausdruck im menschlichen Gesang, die eine Vermaterialisierung in der Instrumentalmusik hat, die erlöst werden kann, wenn in der geschilderten Weise der ganze menschliche Organismus in Gestaltung und Bewegung gebracht wird. Das ist eigentlich das Prinzip, um das es sich handelt.
Cite:
GA 277a/1918-02-19/p007 · edition original