Ansprache zur Eurythmie
Wir haben selbst im Laufe der Jahre etwas gelernt an dem Eurythmie-Treiben. Anfangs dachten wir die Sache zu bloßer Ausdruckskunst zu machen. Das war bedenklich, weil es eine solche eigentlich nicht geben kann. Die Eurythmie ist aber geschützt davor, sie hat selbst Leben. Sie ist geschützt dadurch, dass sie der Wirklichkeit entlehnt ist, also demjenigen entlehnt ist, das nicht bloß Ausdruck sein kann, sondern von innerem Selbstleben durchsetzt sein kann. Daher hat es sich wie von selbst ergeben, dass die Rezitation, die anfangs mehr zurückgetreten ist, sich wie [eine] selbstständige Kunst neben die Eurythmie hinstellt, wie es in früherer Zeit auch war, wo die einzelnen Künste einander getragen haben und Glieder waren in einem Totaleindruck, der eigentlich erst durch den aufnehmenden Menschen selbst in der Seele hervorgerufen wurde. Man muss nämlich bedenken, dass doch auch der künstlerische Prozess des Empfangens wie der des Schaffens ein außerordentlich komplizierter ist. Es geht in der Seele niemals eines nur vor, wenn wir Künstlerisches aufnehmen oder Künstlerisches schaffen, sondern es geht etwas unterbewusst Bleibendes, Rhythmisches vor in der Seele. Und analysiert man seelisch das, was in der Seele vorgeht im künstlerischen Schaffen und Empfangen, so hat man, wie eine Saite ausschlägt nach zwei Seiten, ein Schlagen der Gemütslage nach zwei Seiten. Es wird nur verhindert, dass die Sache zur Bewusstheit kommt dadurch, dass die eine die andere paralysiert. Es ist ein Hin- und Her-Schlagen von Scham- und Furchtgefühlen. Die Furcht wird veranlagt, die Scham wird veranlagt. Dieses Ausschlagen der Seele wird gegenseitig paraIysiert dadurch, dass der Ausschlag nach beiden Seiten stattfindet. Wer künstlerisch lebt, an dem ist bemerkbar, dass er eigentlich immer zwei Tendenzen hat. Die eine geht dahin zu erröten, und wenn sie erröten will, hält sie den Organismus zurück. Es wird aus der Ruhe herausgegangen, aber nicht zum einseitigen Ausschlag, sondern dieser wird gleichzeitig paralysiert. Das drückt sich auch aus im Zusammenwirken von einer rein expressionistischen Kunst, die stärker das Erblassen bewirken würde und immer nach der einen Seite des Erblassens stärker ausschlagen würde, und in einer impressionistischen Kunst, die stärker nach dem Erröten ausschlagen würde. Dadurch bekommt man eine wunderbare Kompensation, wenn man beide Dinge zusammenwirken lässt.
Cite:
GA 277a/1918-02-19/p009 · edition original