Ansprache zur Eurythmie
Von dieser Grundlage geht das aus, was eurythmische Kunst sein will. Es soll ein Geheimnis enthüllen, dasjenige große Geheimnis, meine sehr verehrten Anwesenden, das im gewöhnlichen Leben verborgen bleibt - wie überhaupt die künstlerischen Geheimnisse - und das sich abspielt zwischen den menschlich gesprochenen Worten, den gesungenen Lauten, dem musikalisch gespielten Ton und dem Hören. Der Hörende muss im gewöhnlichen Leben, in der Prosa des Lebens, viel unterdrücken, was in ihm lebt. Es ist ein geheimnisvolles Mitschwingen der Sprachorgane des Hörenden, wenn der gesprochene, der gesungene, der musikalisch angeschlagene Ton an ihn klingt. Es ist aber nicht nur ein Nachklingen und Mitklingen — geheimnisvoll neben dem menschlichen Organismus des Kehlkopfs und seiner Nachbarorgane -, sondern [ein Nachklingen und Mitklingen] des ganzen Menschenwesens. Auf diese Geheimnisse [zwischen dem Hörenden und dem Sprechenden, Singenden und dem im Musikalischen sich Offenbarenden] schauend erkennt er das, was in den Bewegungen des ganzen Menschen, wenn sie erfasst werden können aus der ganzen Wesenheit des Menschen, liegt: ein völlig in den ganzen Menschen und seine Bewegung übergegangener Kehlkopf. Der ganze Mensch kann Kehlkopf werden; indem er es wird, [drückt er aus, was unterdrückt ist] in der Prosa des Lebens.
Cite:
GA 277b/1919-05-25/p008 · edition original