18. Ansprache zur Eurythmie
> Eine Gruppe der deutschen Ferienkinder: > Ballen und Spreizen mit musikalischer Beigabe von Max Schuurman > Stabübungen: oben -unten -rechts-links und Spirale mit musikalischer Beigabe von L.eopold van der Pals und Qui-Qui mit musikalischer Beigabe von Max Schuurman > Alliterationen und Vokale > Wir, Wir... > Der Wolkendurchleuchter > «Der Hirt» von Fercher von Steinwand > Eurythmiegruppe: > TIAOAIT mit musikalischem Auftakt von Max Schuurman «Die Hoffnung» von Friedrich Schiller > Spruch aus dem Seelenkalender von Rudolf Steiner «Meeresstille» und «Glückliche Fahrt» J. W. v. Goethe > Auftakt «Schau um dich, schau in dich» mit Musik von Leopold van der Pals > «Im Baum, du liebes Vögelein dort» von Christian Morgenstern > «Der Spaziergang» von Martin Opitz mit Musik von Max Schuurman, mit Gesang > «Selige Leichtigkeit» von Christian Morgenstern > «Die Geburt der Perle» von Fercher von Steinwand dazu Wellenauftakt mit Musik von Leopold van der Pals > EVOE (Eurythmie ohne Worte) mit Musik von Max Schuurman > «Ein Traumerlebnis» mit Musik von Louise van Blommestein (mit Gesang und zwei Geigen) > «Die Beichte des Wurms» von Christian Morgenstern mit Musik von Max Schuurman für Gesang, Ton- und Lauteurythmie > Auftakt mit Musik von Jan Stuten Satirischer Auftakt mit Musik von L.eopold van der Pals > Humoresken von Christian Morgenstern: «Der Lattenzaun»; «Der Gingganz»; «Mondendinge»; «Das ästhetische Wiesel» > Von der folgenden > Ansprache liegen zwei Nachschriften - eine von Helene Finckh, eine von unbekannter Hand- vor, die aufgrund ihrer Verschiedenheit — besonders im ersten Teil - hier beide dokumentiert werden. > Erste Version der Ansprache > So, liebe Kinder, Ihr habt dürfen hierherkommen aus Eurer Heimat, habt dürfen sehen die schönen Berge, die schönen Felder, die Wiesen, und Ihr habt kennenlernen dürfen die freundlichen Leute, die Euch aufgenommen haben, habt Euch herzlich freuen können an dieser freundlichen Aufnahme, die Ihr empfangen habt hier in der schönen, lieben Schweiz. Und nun wollten wir gestern und heute Euch auch noch dasjenige zeigen, was wir hier zu zeigen haben. Ihr habt hier oben mancherlei zu sehen bekommen. Wenn Ihr später einmal nachdenken werdet und Euch erinnern werdet, was Ihr gesehen habt, und wenn Ihr einmal verstehen werdet das Wort Eurythmie, dann wird hoffentlich dies eine schöne Erinnerung, ein schöner Gedanke sein. > Ihr wisset, dass der Mensch die schöne Gabe, die schöne Gottesgabe der Sprache hat. Man spricht aber gewöhnlich mit dem Munde. Das, was Ihr hier an Eurythmie gesehen habt, ist auch eine Sprache, ein Sprechen, nur spricht der ganze Mensch. Und Ihr werdet alle einmal wissen, was das im Menschen ist, was Ihr Seele nennt. Ihr wisst jetzt noch nicht, könnt es noch nicht wissen, was im Menschen ist, was in Euch ist und was Ihr einmal Seele nennen werdet. Aber was Ihr hier gesehen habt, was man an Bewegungen gemacht hat mit den Armen, was man an Bewegungen gemacht hat im Kreis und sonst, das ist alles gesprochen, gesprochen, dass man es nicht hört, sondern dass man es sieht. Und was spricht, ist nicht der Mund, es ist der ganze Mensch, es ist die Seele im Menschen. Und wenn Ihr einmal später fragen werdet: Was wohnt in meiner Brust? - da wohnt die Seele -, dann erinnert Euch, dass Ihr gestern und heute gelernt habt, wie die Seele durch den Menschen, durch seine Glieder spricht. > Und jetzt möchte ich über Eure Köpfe weg zu den Erwachsenen ein paar Worte über dasjenige sagen, was Ihr seht, was Ihr später besser verstehen werdet. > Wie dasjenige, was wir einen eurythmischen Versuch nennen, wie diese unsere Eurythmie eine Ausführung, man möchte sagen der Goethe’schen Weltanschauung und der Goethe’schen Kunstanschauung ist, wie wir sie uns zu denken haben eben im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, nicht zu Goethes Zeiten selber. Goethe hat als ein Mensch, der tiefer als irgendeiner seiner Zeitgenossen und namentlich tiefer als irgendeiner derjenigen Generation, die auf ihn folgte, in das lebendige Wesen der Natur hineingeschaut. Die Tiefe der Goethe’schen Weltanschauung, sie ist ja heute noch immer nicht gewürdigt. > Was man aus der Goethe’schen Weltanschauung auf einem eng begrenzten Gebiete gewinnen kann, das soll durch unsere Eurythmie dargestellt werden. Goethe sieht in der ganzen Pflanze nur ein komplizierter gestaltetes Blatt. Jedes Blatt ist für Goethe etwas, worin er mit dem übersinnlichen Auge die ganze Pflanze wiederum sieht. Und diese Anschauung, die lange noch nicht ausgebaut ist, diese Anschauung, die kann dieser Weltanschauung gemäß, sie kann künstlerisch weiter und immer weiter vervollkommnet werden. Hier wird sie auf einem bestimmten, konkreten Gebiete angewandt. > Derjenige, der intuitiv schauen kann, was eigentlich im ganzen Menschen vorgeht, wenn gesprochen wird, namentlich wenn künstlerisch-dichterisch gesprochen wird, der weiß, dass im Grunde genommen diese vom Kehlkopf und den Nachbarorganen ausgeführten Bewegungen, Tätigkeiten, nun sich zu dem ganzen Menschen so verhalten, wie Goethe glaubte, dass sich das Blatt zu der ganzen Pflanze verhält. Das Blatt ist eine Metamorphose der ganzen Pflanze. - Für uns hier ist das, was durch den Kehlkopf und seine Nachbarorgane in der menschlichen Sprache zum Ausdruck kommt, eine Metamorphose desjenigen, was der ganze Mensch zurückhält, was er eigentlich ausführen will, indem er zuhört. Und derjenige, der übersinnlich schauen kann, der weiß, dass nicht nur eine Theorie es ist, wenn man sich vorstellt, dass wir durch unsere Sprachorgane die Luft in Bewegung bringen; sodass Sprache in sich trägt ein unsichtbares Sich-Bewegen. > Das ist, was wir in der Eurythmie versuchen: den ganzen Menschen in seiner Bewegung zu einem großen Kehlkopf zu machen, anschaulich zu machen alles dasjenige, was sonst unsichtbar bleibt in der Sprache, weil wir sonst unsere Aufmerksamkeit selbstverständlich auf das Hören richten. Das Sichtbarmachen der Sprache durch den ganzen Menschen anschaulich zu machen, das ist es, was wir in der Eurythmie anstreben. Es ist darinnen nichts Willkürliches. Es ist noch nicht alles erreicht. Die eurythmische Kunst ist erst im Anfange, ist erst der Versuch eines Anfanges. Alles Pantomimische, alles Willkürliche ist ausgeschlossen. Wie die Musik selbst gesetzmäßig ist, wie ein Ton aus dem anderen folgt musikalisch, so ist — wie die Musik in Dur und Moll gesetzmäßig aufgebaut ist —, so ist innerlich gesetzmäßig aufgebaut, was in der Eurythmie auch zutage tritt. Wenn zwei Menschen oder zwei Menschengruppen ein und dieselbe Sache eurythmisch an zwei verschiedenen Orten zur Darstellung bringen, so darf nicht mehr individueller Unterschied in der Wiedergabe sein, als wenn zwei verschiedene Klavierspieler ein und dieselbe Beethoven’sche Sonate mit persönlicher Auffassung spielen. Es ist immer gesetzmäßig aufgebaut. > Das ist dasjenige, was eben angestrebt wird und wodurch wir versuchen wollen auf der einen Seite, etwas Künstlerisches zu erreichen versuchen, auf der anderen Seite aber auch etwas Pädagogisch-Hygienisches zu erreichen. Künstlerisch soll, ich möchte sagen dieses große Goethe’sche Kunstprinzip zum Ausdruck kommen, das er zum Beispiel ausspricht, wenn er sagt: Der Mensch ist auf den Gipfel der Natur gestellt und fühlt sich wieder als eine ganze Natur. Er nimmt Ordnung, Maß, Harmonie und Bedeutung zusammen und erhebt sich endlich zur Produktion des Kunstwerkes. Hier wird der ganze Mensch zum Kunstwerk durch diejenigen Bewegungsmöglichkeiten, die im ganzen Menschen so wie im Kehlkopf liegen, wo sie unsichtbar bleiben. Die sollen zur Anschauung kommen. Dasjenige, was die Sprache durchglüht an innerer seelischer Empfindung, aus der inneren Seelenwärme heraus, was die Sprache durchkraftet aus dem Enthusiasmus unserer Persönlichkeit heraus, was aber der Dichter hervorbringt im Reim, im Rhythmus, das kommt in den Gruppenbewegungen und Bewegungen der Menschen im äußeren Raume zum Vorschein. Darinnen ist nichts Willkürlicheres an innerer Gesetzmäßigkeit, als es eben künstlerisch darzustellen notwendig ist, wenn zwei verschiedene Darsteller ein und dieselbe Sache vorführen. > Natürlich, damit ist dem Künstlerischen nicht vorgegriffen, dass ich Ihnen diese paar einleitenden Worte sage. Die Kunst beruht ja darauf, dass sie unmittelbar genossen werden kann. Aber auf die übersinnlichen Quellen alles künstlerischen Schaffens im Sinne Goethes soll hingewiesen werden. Es scheint mir nötig zu sein, gerade auf diesem Gebiet eine neue Kunstform zu schaffen, die wir hinzuerschaffen wollen zu allem Übrigen, was wir zu unserem Bau hinzuerschaffen möchten. > Die Eurythmie wird begleitet werden auf der einen Seite von Rezitation, auf der anderen Seite durch Musikalisches. Dasselbe, was man rezitatorisch hört, dasselbe, was man musikalisch hört, dasselbe soll eurythmisch durch die Formen des Eurythmischen dargestellt werden. Ich möchte dabei nur erwähnen, dass die Rezitationskunst wieder zurückkehren muss zu den alten, guten Formen. Diejenigen Menschen, die heute da sind, die haben eigentlich im Grunde genommen [kJeine richtige Rezitationskunst kennengelernt; das hat im Grunde genommen aufgehört in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts. > Ich erinnere daran, dass Goethe noch so durchdrungen war von dieser Rezitationskunst, dass er seine «Iphigenie» mit seinen Schauspielern einstudierte mit dem Taktstock in der Hand wie ein Kapellmeister. Es ist durchaus gerechtfertigt, denn nicht darauf kommt es an, dass die prosaische Rezitation - wie das heute geschieht aus einem gewissen materialistischen Hang heraus - den wortwörtlichen Inhalt besonders betont, sondern darauf, dass man gerade das Künstlerische, das Rhythmische, dasjenige, was nicht der Prosainhalt [ist], sondern die künstlerische Formgestaltung in der Rezitation zum Ausdruck bringt. Dann sieht man gerade in dem Parallelgehen von Rezitation und Eurythmic, wie der ganze Mensch eigentlich aufgebaut ist, sich innerlich so zu bewegen, wenn der Dichter etwas künstlerisch schafft, wenn überhaupt etwas Künstlerisches geschaffen wird. > Ich erinnere nur daran, dass Schiller, bevor er den Inhalt eines Gedichtes in seinem Geiste sich vergegenwärtigte, nicht den wortwörtlichen Begriff in der Vorstellung hatte, sondern er hatte ein unbestimmtes Melodiöses, Musikalisches in der Seele. Schiller schuf durchaus aus der musikalisch-bewegten Seele heraus. Also das Rhythmische, das Innerlich-Bewegte, das sich dann erst auf den Prosainhalt überträgt, ist in den bedeutendsten Gedichten Schillers vorher zugrunde gelegen. Das Pointieren des Prosainhaltes einer Dichtung wollen wir wiederum gewissermaßen zurücktreten lassen und das eigentlich Dichterische in der Rezitation, die der Eurythmie parallel gehen soll, zum Ausdrucke bringen. > Sie werden natürlich Nachsicht haben müssen: Wir stehen mit unserer Eurythmie erst im Anfang. Und cs ist vor allen Dingen zu bemerken, dass das Pantomimische, das Mimische, die Augenblicksgeste, dass das alles später, wenn die Eurythmie mehr vervollkommnet sein wird, dass das alles später herauskommen wird. Wir sind selbst unsere strengsten Kritiker und wissen, dass wir durchaus noch auf einer unvollkommenen Stufe mit der Kunst der Eurythmie heute stehen. Aber wir glauben, dass wenn der ganze Mensch aufgerufen wird im Sinne Goethes, sodass man fühlt, dass höhere Naturgesetze durchscheinen durch dasjenige, was sich äußerlich den Sinnen darbietet, dann wird auf der Grundlage dieser Goethe’schen Weltanschauung eine solche neue, echte Kunst, die etwas Edleres ist als die Tanzkunst, die man sonst hat, auch zum Vorschein kommen können. > Und dasjenige, was im Turnen im Grunde nur physiologisch ist, was nur den Körper, den äußeren Leib ausbildet, soll in der Eurythmie durchseelt werden, sodass zum Vorschein kommt, dass die Seele überall mitvibriert, mitspricht, sodass wir auch ein pädagogisch gedachtes Element in diese unsere eurythmische Kunst hineintragen wollen. Ich glaube, Ihrer Nachsicht vor allen Dingen also empfehlen zu dürfen dasjenige, was wir jetzt in einer noch unvollkommenen Weise darbieten können. Aber wir hoffen, wenn die Zeitgenossen einiges Interesse entgegenbringen diesem Versuche, dann werden wir doch - vielleicht nicht mehr durch uns, aber durch andere, die nachfolgen werden - gerade diese eurythmische Kunst zu einer solchen Vollkommenheit bringen können, dass sie sich wie eine neue Kunst vollberechtigt neben die anderen vollberechtigten älteren Künste wird hinstellen können. > Diese paar Worte, sehr verehrte Anwesende, wollte ich unserer eurythmischen Darbietung voranschicken. > Zweite Version der Ansprache: > Es ist schön, dass ihr lieben Kinder noch einmal zu uns heraufgekommen [seid], ehe ihr wieder fort müsst aus der lieben Schweiz, in der Ihr so viel Liebes empfangen habt. Nicht wahr? Ihr habt es gut gehabt? Und dann durftet Ihr auch manches lernen und [diejenigen,] die an der Eurythmie teilgenommen haben, denen wird es im späteren Leben wohl auch eine schöne Erinnerung sein. Es soll durch die Eurythmie etwas zum Ausdruck kommen, wie wenn Ihr was sagen wollt. Durch das Sprechen geschieht das nur mit dem Kehlkopf und seinen Nachbarorganen; da werden die Luftschichten in Bewegung gesetzt und es bilden sich wie Wellen in der Luft. Das sieht man nur gewöhnlich nicht, weil man nicht darauf seine Aufmerksamkeit richtet, sondern hinhört auf das, was gesprochen wird. Nun ebenso, wie der Kehlkopf will die Eurythmie etwas ausdrücken, aber durch den ganzen Körper. Die Eurythmie ist ein Wort, das man nicht hört, sondern sieht. Das, was die Seele in sich trägt, gibt sie kund durch die eurythmische Darstellung. > So etwas versteht Ihr heute noch nicht, was das heißt: die Seele. Aber wenn im späteren Leben in Eurer Brust sich etwas zu regen beginnen wird, dann werdet Ihr auch erfahren, dass Ihr eine Seele habt. Und dann wird das, was in der Erinnerung geschlummert hat, vielleicht auch zu Euch sprechen von dem, was Ihr hier oben habt sehen und zum Teil lernen dürfen. Und nun möchte ich über die Köpfe der Kinder (sie saßen vorne) hinweg noch etwas sprechen zu den Erwachsenen, die gekommen sind, um sich unsere eurythmischen Vorführungen anzuschauen. > Es ist diese eurythmische Kunst aufgebaut auf die Goethe’sche Weltanschauung. So wie Goethe im grünen Blatt die ganze Pflanze einbegriffen sah, so nehmen wir an, dass der das Wort erzeugende Kehlkopf mit seinen Nebenorganen eine Metamorphose des ganzen menschlichen Organismus ist. Goethe nannte das Blatt eine Metamorphose der Pflanze, weil in dem Blatt das ganze Wesen der Pflanze verborgen ist. Aus dem Blatt entwickelt sich Schritt für Schritt die ganze Pflanze; es metamorphosiert sich zum Kelch-, zum Blumen-, zum Fruchtblatt. Daher kann man das Blatt als einen Repräsentanten der ganzen Pflanze ansehen. Und so ist es mit dem menschlichen Kehlkopf. Was da im Wort von der Seele Kunde gibt, das lebt im ganzen Organismus des Menschen, und davon kann dieser ganze Organismus Zeugnis geben. > Ein Versuch hierfür soll die Eurythmie sein. Da ist nichts willkürliche Bewegung, sondern alles in dem Sinne gemeint, der sonst durch das Wort spricht. Und wenn verschiedene Personen dasselbe ausführen, und es scheint eine Verschiedenheit in der Darstellung bemerkbar, so ist das kein anderer Unterschied, als wenn zwei verschiedene Personen dieselbe Beethoven-Sonate spielen. Das, was die Eurythmie sagen will, das ist für alle das Gleiche und durchaus angepasst dem, was zum Ausdruck gebracht werden soll. Da haben jede Bewegung und jedes Zeitmaß seine Bedeutung. Es ist das musikalisch-rhythmische Element, das auch im gesprochenen Wort der Dichtung zur Geltung kommt. Schiller hat das ganz besonders empfunden, für ihn war das Musikalisch-Rhythmische der Form immer das Erste in der Konzeption seiner Dichtungen. Ehe er den Inhalt und Stoff, ehe er auch nur einen Gedanken formulierte, beschäftigte ihn das rhythmische Thema, das Musikalisch-Harmonische, wie es in seiner Seele sich regte. > Heutzutage hat unsere Dichtung dieses Bedeutungsvolle ganz in Nicht-Beachtung herabsinken lassen. Man liest Poesie wie Prosa nur nach dem Gedankeninhalt, und wenige nur wissen noch davon, wie man Poesie zu lesen hat. Zuletzt hat man noch in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sich damit wohl beschäftigt - und die zu jener Zeit gelebt haben, die haben noch etwas davon hören können, was Rhythmus in der Poesie zu bedeuten hat. > Früher war das etwas Wesentliches, und man erzählt, dass Goethe auf der Weimarschen Bühne seine «Iphigenie» mit dem Taktstock eingeübt habe. Im Goethe’schen Sinne sollen auch unsere eurythmischen Vorführungen gehalten sein. Und ich denke, Sie werden trotz vieler Unvollkommenheiten - namentlich in den Pantomimen - doch etwas Besseres darin finden als in dem, was die gewöhnliche Tanzkunst zu bieten hat. Die ersten Darstellungen der Kinder sind von solchen, die nur einen Anfangskurs von zwölf Stunden mitgemacht haben, ohne jegliche weitere Vorübung. Es muss darum um Nachsicht gebeten werden. Auch für das Sonstige wird ihre Nachsicht von Neuem in Anspruch genommen werden müssen, denn wie gesagt, es ist eine Kunst, die erst in den Anfangsgründen, im Entstehen begriffen ist, und also weit davon entfernt, etwas Vollkommenes darbieten zu können.
Cite:
GA 277b/1919-08-11/p004 · edition original