19. Ansprache zur Eurythmie
Die eurythmische Kunst, von der wir Ihnen heute eine Probe vorführen dürfen, ist eine Kunstform, welche sich neuer Ausdrucksmittel zu bedienen strebt, der Ausdrucksmittel, welche veranlagt sind in den menschlichen Leibesgliedern selbst. Die Ausbildung dieser eurythmischen Kunst ruht ganz auf der Goethe’schen Weltanschauung, auf der ja im Grunde alles dasjenige ruht, was Sie hier in diesem Bau verwirklicht sehen. Und zwar ist der Versuch gemacht, dasjenige, was in Goethes großer Weltanschauung heute noch immer nicht voll gewürdigt ist, was noch auf seine volle Würdigung wartet, das auf einem bestimmten begrenzten Gebiete künstlerisch auszugestalten. Ich möchte nicht gerade theoretische Auseinandersetzungen weitläufiger Art der eurythmischen Darstellung voranschicken - allein: Bei Goethe ist dasjenige, was er als Beobachtungsergebnisse seiner Weltauffassung gegeben hat, immer nicht einseitig wissenschaftlich. Es ist immer durchtränkt von künstlerischer Gesinnung. Und diese Goethe’sche künstlerische Gesinnung, von ihr möchten wir, dass sie auch durchdringe diese Raumbewegungskunst, die wir als Eurythmie bezeichnen.
Cite:
GA 277b/1919-08-16/p005 · edition original