Ansprache zur Eurythmie
In diesem Sinne bitte ich Sie das aufzufassen, was wir als eine Art Gesamtkunst ausbilden wollen, aus dem Grunde, weil, wenn am Menschen selbst dasjenige, was an ihm organisch als Bewegungsmöglichkeit liegt, wirklich künstlerisch ausgebildet werden kann, dann ist das wirklich so, dass anwendbar darauf ist das, was als Goethe’sche Kunstgesinnung so schön mit Goethes Ausspruch gedeckt wird: Wenn der Mensch auf dem Gipfel der Natur angelangt ist, bringt er selbst wiederum eine ganze Natur hervor, nimmt Ordnung, Harmonie, Maß und Bedeutung zusammen, um sich endlich zur Produktion des Kunstwerkes zu erheben. Und wenn Goethe der Meinung war, dass die Kunst eine Manifestation geheimer Naturgesetze ist, die ohne sie niemals offenbar werden, so muss man sagen: Wenn man das, was im Menschen selber veranlagt ist an geheimen Naturgesetzen, künstlerisch verkörpert und offenbart, so ist damit in der Tat eine Art Zusammenfassung, eine Art Synthese der verschiedenen Künste gegeben. Gerade an der Eurythmie kann man vielleicht empfinden das, was in einem anderen Goethe’schen Wort so schön ausgedrückt ist: Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis enthüllt, der empfindet eine tiefste Sehnsucht nach ihrer würdigsten Interpretin, der Kunst. Wer in die Geheimnisse der menschlichen Organisation - so könnte man das umschreiben - eindringen will, der empfindet eine gewisse innere Sehnsucht, das, was an Bewegungsmöglichkeiten im menschlichen Organismus ist, künstlerisch umzugestalten.
Cite:
GA 277b/1919-10-11/p017 · edition original