Ansprache zur Eurythmie
Denn man hat heute eine besondere Vorliebe, ich möchte sagen für eine Art prosaischen Rezitierens, das man zum schönen Rezitieren gestalten will, wobei man die innere wortwörtliche Bedeutung beim Rezitieren besonders hervorhebt. Das ist nicht das eigentlich Künstlerische, dieses Prosaische des Inhaltes. Das eigentlich Künstlerische der Dichtung ist gerade die innere intensive Bewegung, die in der Eurythmie äußerlich für das Auge abgebildet wird. Dann muss aber auch in der Eurythmie die begleitende Rezitation dieses Element des Taktmäßigen, des Rhythmischen besonders zur Geltung kommen. Dass das berechtigt ist gegenüber der Dichtung, das kann Ihnen daraus hervorgehen, dass zum Beispiel solch ein wirklicher Dichter noch wie Schiller - heute wird ja von den Dichtern neunundneunzig Prozent zu viel gedichtet in Wirklichkeit, das wird man später schon einsehen -, ein wirklicher Dichter wie Schiller hatte nicht zunächst bei dem Entstehen seiner Gedichte den wortwörtlichen Inhalt in der Seele, sondern er hatte eine Art melodiöses Erlebnis in der Seele, und das Wortwörtliche ergab sich dazu erst. Nur weil man glaubt, heute recht künstlerisch zu sein - in Wahrheit aber ist das heute doch nicht in unserer Geistesbildung sehr vertreten -, die wirklich künstlerische Empfindung beruht bei der Dichtung nicht auf dem Inhalte einer Dichtung, sondern beruht auf dem Taktmäßigen, auf dem Formellen, was dahinter steht. Goethe hat seine «Iphigenie» mit dem Taktstock einstudiert, so wie sonst ein Orchester einstudiert wird, trotzdem es sich um ein Drama, nicht um Lyrik handelte.
Cite:
GA 277b/1920-01-18/p011 · edition original