Ansprache zur Eurythmie
Das Entgegengesetzte ist hier bei der Eurythmie der Fall. Da werden die Gedanken unterdrückt und die Bewegungen treten auf. Gerade das Willenselement - im Gegensatze zum Gedankenelement - tritt auf. Daher ist - ich möchte sagen, während alles dasjenige, was mehr in die gesprochene Sprache hinein sich versenken will, wiederum zum traumhaften Element zurückführt - hier bei der Eurythmie ein vollständiges Aufwachen, ein Über-Aufwachen geradezu eigentlich vorhanden. Daher ist nichts mehr zu bekämpfen auch bei dieser Eurythmie, als alles Hinneigen zum Mystisch-Verschwommenen, zum Träumerischen. Das Gegenteil vom Träumerischen, das vollbewusste Bewegen in künstlerischen Formen wird hier gerade angestrebt. Es darf nichts Willkürliches sein. Sodass Sie nicht etwa denken könnten, dasjenige, was Sie, während ein Gedicht hier rezitiert wird, als die stumme Sprache der Eurythmie sehen, das seien zufällig erfundene Formen oder Gebärden. Wenn zwei Gruppen oder zwei Menschen eurythmisch ein und dasselbe an verschiedenen Orten darstellen, so kann der individuelle Unterschied nicht anders sein, als wenn ein und dieselbe Sonate an verschiedenen Orten dargeboten wird. Es beruht nichts auf irgendeinem willkürlich Pantomimischen, nichts auf willkürlichen Gesten, sondern wie die Musik in ihrem melodiösen Elemente eine gesetzmäßige Aufeinanderfolge hat, so hier alles in der Aufeinanderfolge der Bewegungen. Es ist eine stumme, in sich bewegte Musik, diese Eurythmie.
Cite:
GA 277b/1920-02-07/p011 · edition original