{"corpus":"steiner","locus":"GA 277b/1920-02-07/p013","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Das bitte ich besonders auch zu berücksichtigen bei der die Eurythmie begleitenden Rezitation. Sie werden auf der einen Seite sehen, wie man musikalisch begleiten kann das Eurythmische. Aber hauptsächlich werden Sie sehen, wie dasjenige, was Ihnen in der stummen Sprache der Eurythmie entgegentritt, zu gleicher Zeit von uns dargestellt wird in der Rezitation. Heute ist Rezitationskunst eigentlich in der Dekadenz. Wir suchen wiederum zurückzuführen die Rezitationskunst auf Goethe’sche Kunstanschauung. Goetheanismus [und Goethe’sche Kunstgesinnung] wird ja heute in vielem missverstanden. Allerdings erst gestern erhielt ich wiederum einen Brief, worinnen sich der Betreffende, ein Rechtsanwalt, aufregt über den Ausdruck Goetheanum. So etwas, behauptet er, sei nicht Deutsch, man solle wenigstens diesen Bau hier nicht Goetheanum nennen, denn das sei nicht Deutsch. Man solle ihn Goethe-Bau oder Goethe-Tempel nennen - Goethe-Tempel wird dann besonders Deutsch sein! Diesen Vorschlag macht der betreffende Herr nämlich. Man stößt auf die sonderbarsten Dinge in der Gegenwart. Aber die Leute treten sehr selbstbewusst auf in der Gegenwart, insbesondere, wenn sie Chorstudent oder Reserveleutnant gewesen sind. Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, die Rezitationskunst, sie muss tatsächlich wiederum etwas werden, dem zugrunde liegt so etwas, wie cs war, als Goethe wie ein Kapellmeister mit dem Taktstock zum Beispiel seine «Iphigenie» mit seinen Schauspielern einstudierte. Das heißt: Nicht auf das Wortwörtliche kommt es in der Rezitation an, das Wortwörtliche ist in der Dichtung nicht das eigentliche Künstlerische. Das eigentlich Künstlerische ist entweder das Musikalische oder das Plastische, das Gestaltende. Schiller hatte bei seinen wichtigsten Gedichten niemals zuerst den wortwörtlichen Inhalt in der Seele; der kam erst dann hinzu, er hatte ein melodiöses, unbestimmtes melodiöses Gebilde, von dem er ausging. Und so viel ist eigentlich nur in einem Gedicht vom Künstlerischen vorhanden, als abgesehen vom wortwörtlichen Inhalt als innerer Rhythmus, innerer Takt und an Musikalischem ist. Oder auch kann man sagen: Das Musikalische ist mehr bei Schiller vorhanden, das Gestaltete, das Plastische ist mehr bei Goethe vorhanden. Wobei man sich versucht fühlt, durch die Worte hindurch zu schauen auf ganz bestimmte Formen. Wenn die Dichtung in dieser Weise nicht gerade hin orientiert ist bloß auf das Wortwörtliche, den wortwörtlichen Inhalt, sondern hin orientiert ist auf Takt, auf Rhythmus, auf Gestaltung, dann ist das Eurythmisieren ganz besonders leicht.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Ansprache zur Eurythmie","site_heading":null,"date":"1920-02-07","location":null,"word_count":366,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277b/1920-02-07/p013","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277b/1920-02-07/p013"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/277b/1920-02-07/p013","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}