Ansprache zur Eurythmie
Dasjenige, was nun gestaltet werden kann als jene Bewegungsanlage, welche erregt die Bewegungen der Luft in der Tonsprache, das kann übertragen werden auf den ganzen Menschen. Sodass Sie hier auf der Bühne gewissermaßen den einzelnen Menschen oder ganze Menschengruppen mit allem, was dazu gehört, wie einen großen wandelnden Kehlkopf in der stummen Sprache, die diese Eurythmie spricht, haben. Daher ist Eurythmie eine stumme Sprache, die nach denselben Gesetzmäßigkeiten gebildet ist wie die Lautsprache. Nur muss dabei berücksichtigt werden, dass, wenn die Bewegungsanlagen des Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane auf die Luft übertragen werden, so setzen sich die Bewegungserregungen in Bewegungen mit kleinster Geschwindigkeit um, sodass nicht die einzelne Bewegung wahrgenommen wird. Merkwürdigerweise - man kann ja selbstverständlich ein glücklicheres Wort dafür finden, für das, was ich sagen will -, merkwürdigerweise kann man nun finden, dass das Willenselement, das im Menschen wirkt, so sich erregend verhält zu den Bewegungen der einzelnen Glieder des menschlichen Organismus, die ja natürlich einen größeren Widerstand entgegensetzen, daher langsamer sich bewegen müssen — und nicht, um, sinnlich für die Augen unwahrnehmbar, nur zu hörende Bewegungen hervorzurufen, sondern sichtbare Bewegungen hervorrufen können. Diesen Umschwung, diese Metamorphosierung desjenigen, was in den menschlichen Lautorganen vorgeht, in Bewegungen des ganzen menschlichen Organismus, das ist unsere Eurythmie.
Cite:
GA 277b/1920-02-08/p008 · edition original