Ansprache zur Eurythmie
Und so sehen Sie, dass sein muss für die Eurythmie das Instrument der Mensch selber. Wie man in den anderen Künsten das oder jenes Instrument verwendet — die Eurythmie verwendet den Menschen selber als Instrument. Und begleitet sein lassen wir heute noch dasjenige von Musik und Rezitation, was als stumme Sprache da erscheint. Aber den Menschen verwenden wir so, dass durch ihn, der ja in Wirklichkeit ein Mikrokosmos ist, dasjenige zum Ausdrucke kommt, was, ich möchte sagen die Welt selbst als ihre Rätsel, als ihre Geheimnisse aussprechen will und was man niemals durch bloße Ideen oder abstrakten Verstand aussprechen kann. Man erreicht dadurch etwas, was, wie ich glaube, eine Goethe’sche Kunstgesinnung ist, die er in seinem schönen Buch über Winckelmann ausspricht, wenn er sagt: «Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt - dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.» Und in der Tat: Wenn man dasjenige, was der Mensch, der auf den Gipfel der Natur gestellt ist, durch die Umgestaltung seines sonstigen Wesens in künstlerisches Wesen erreichen kann, wenn man das wirklich zur Darstellung bringt, so ist etwas von dem erreicht, das man bezeichnen kann damit, dass man sagt: Es spricht sich dann nicht der einzelne Mensch in seiner egoistischen Einheit aus, sondern es macht sich der Mensch zum Werkzeug, zum Ausdrucksmittel desjenigen, was uns Natur und Welt übermitteln will. Insoferne kann tatsächlich in dem Sinne Goethe’scher Kunstauffassung Eurythmie als der Anfang von, wie wir glauben, etwas Verheißungsvollem gelten. Goethe sagt ja so schön: «Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.» Wirkliche Kunst kann ja nicht gesucht werden in dem bloß Willkürlichen, sondern wirkliche Kunst kann nur gesucht werden in Darstellungen desjenigen, was der Natur abgelauscht ist von ihren Rätseln. Aber all das, was wir Ihnen heute schon bieten können durch unsere stumme Sprache, die wir als Eurythmie bezeichnen, das bitte ich Sie, doch mit Nachsicht aufzunehmen. Denn es ist nur ein Anfang, vielleicht sogar der Versuch nur eines Anfangs. Es muss alles noch weiter ausgebildet werden. Aber wir haben die Überzeugung, dass, wenn unsere Zeitgenossen der Sache Interesse entgegenbringen - wir sind selbst die strengsten Kritiker und können die Sache heute nur als einen schwachen Anfang betrachten, [aber] wenn man aus diesem Interesse heraus Anregungen empfangen kann für weitere Gestaltung, so wird noch durch uns selbst - oder wahrscheinlich durch andere diese eurythmische Kunst so ausgebildet werden können, dass sie sich vollberechtigt - vielleicht erst nach längerer Zeit - neben andere vollberechtigte, aber ältere Kunstformen wird hinstellen können.
Cite:
GA 277b/1920-02-08/p022 · edition original