Ansprache zur Eurythmie
Gerade dieser Eurythmie gegenüber muss die Kunst der Rezitation und Deklamation eine besondere Stellung einnehmen. Es muss immer wieder und wiederum erinnert werden, dass dasjenige, was heute gerade als Rezitations-, als Deklamationskunst gilt, der begleitenden Rezitation der Eurythmie gegenüber nicht recht standhält. Eigentlich wird ja heute auf die Betonung des wortwörtlichen Inhaltes in der Rezitation das Hauptgewicht gelegt, aber das ist ein Unkünstlerisches. Künstlerisch ist es zu versuchen, auch bei der Rezitationskunst das über den wortwörtlichen Inhalt hinausgehende Rhythmische, Gestaltende, Plastische der Sprache in den Vordergrund zu stellen. Auch das ist ein Versuch, wiederum auf die alte Form des Rezitierens zurückzugehen. Ich erinnere nur daran, dass Schiller, indem er gerade seine bedeutsamsten Gedichte aus seiner Seele hervorgehen ließ, nicht den wortwörtlichen Inhalt zunächst hatte. Das ging ihn zunächst gar nichts an, sondern er hatte zunächst die melodiöse Gestalt, an die er dann erst die Worte anhängte. Oder Goethe studierte zum Beispiel seine «Iphigenie» mit seinen Schauspielern mit dem Taktstocke in der Hand ein. Da hatte man ein Gefühl gegenüber dem einer Dichtung zugrundeliegenden taktmäßigen, melodiösen Element oder auch dem plastisch-bildhaften Element, dass das die Hauptsache sei auch als Offenbarung beim Vorbringen der dichterischen Gestaltungen.
Cite:
GA 277b/1920-02-22/p019 · edition original