Ansprache zur Eurythmie
Und man kann schon sagen, wenn man unbefangen genug dazu ist und sich nicht vor wichtigen Tatsachen, die eine soziale Psychologie bedeuten, verschließt, man kann schon sagen: Gewiss, in der neueren Zelt ist viel geturnt worden und auch viel dem Turnen Ähnliches getrieben worden, aber ob man die Frage unmittelbar bejahen kann, dass dadurch - wenn vielleicht auch Einzelnes am Menschen physisch stärker geworden ist und vielleicht auch in physiologischer Beziehung manches gesund geworden ist -, ob man auch bejahen kann, dass dadurch der Mensch als ganzes Wesen, als physisch-seelisch-geistiges Wesen stärker geworden ist, mehr mit Initiative ausgerüstet ist, mehr dabei ist bei den Weltangelegenheiten als in den ersten turnlosen Zeiten, das kann nicht unmittelbar behauptet werden. Diese Frage wird man nicht bejahen können. Denn schließlich zeigt ja doch gerade unsere Zeit, dass wir in der Epoche der schlafenden Seelen leben, dass wir zwar viel getrieben haben von Turnen, auch noch manches andere, was über das Turnen hinausgeht - was hat der Sport nicht alles hervorgebracht! Dass aber das Ergebnis von dem allem eine Erkraftung des ganzen Menschen wäre, namentlich eine Erkraftung der Initiative der Menschen, das darf nicht bejaht werden. Denn es ist nur allzu deutlich, dass die Menschen immer mehr und mehr in sich verschlossen geworden sind, immer innerlich träger und träger geworden sind und dass mit diesem Innerlich-verschlossenSein und mit diesem Träge-geworden-Sein, mit diesem Verschlafensein der Seelen das Unglück, das sich so gräulich ausgedrückt hat in den letzten fünf bis sechs Jahren, zusammenhängt. Herauskommen wird man aus dem, worauf da hingedeutet werden muss, erst dann, wenn man die Erkraftung des Menschen nicht nur anstrebt durch das physiologische Turnen, sondern durch die psychologische Eurythmie, durch das beseelte Sich-Bewegen.
Cite:
GA 277b/1920-03-27/p014 · edition original