Ansprache zur Eurythmie
Diejenigen, die ihren eigenen menschlichen Organismus in den Dienst dieser Kunst der stummen Sprache, der Eurythmie, stellen, die merken wohl, wie alles wegfallen muss, was in der gehörten Sprache nur der einzelne Mensch zum Ausdrucke bringt, und wie sie sich hingeben müssen an dasjenige, was im Grunde genommen die Natur durch die besondere menschliche Organisation selbst zum Ausdrucke bringt. Sodass man sagen kann: Wenn der einzelne Mensch lautlich spricht oder singt, wenn der einzelne Mensch zu Mimik oder Gebärden übergeht, so ist immer etwas von der einzelmenschlichen Subjektivität darinnen, von menschlichem Egoismus. Hier in der Eurythmie wird wirklich das angestrebt, was Goethe als den höchsten Gipfel der Kunstoffenbarung betrachtet, indem er sagt: Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn der Mensch sich in der Welt als eine große und würdige Ganzheit fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein freies Entzücken gewährt, wird er die Natur als an ihr Ziel gelangt betrachten und den Gipfel ihres Werdens und Wesens bewundern. - Das ist eben die Sprache der Natur selber - nicht die des einzelnen Menschen -, es ist die Sprache, die durch die Bewegungen des Eurythmischen sich offenbart, die Sprache der Natur selber, die zum Vorschein kommen kann, wenn man den ganzen Menschen als ihr Instrument benützt.
Cite:
GA 277b/1920-03-28/p017 · edition original