Ansprache zur Eurythmie
Es folgt eine kurze Pause. Und nach derselben wird Ihnen unter anderem vorgeführt werden Goethes «Hymnus an die Natur». Goethes Prosahymnus «An die Natur» ist wie eine Vorverkündigung seiner Weltanschauung. Goethe hat ihn etwa erdacht, kann man sagen, im Beginn der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts. Und er ist so entstanden - ich habe versucht, die ganze Entstehungsgeschichte im siebenten Bande in den Schriften der Goethe-Gesellschaft vor vielen Jahren schon darzustellen -, er ist so entstanden, dass Goethe ihn nicht unmittelbar aufgeschrieben hat, sondern er hatte die Gedanken in seiner Seele und durchsprach sie mit dem damals in Weimar weilenden Schweizer Tobler. Offenbar mit Tobler im Freien sich ergehend, hat Goethe diesen Prosahymnus hingesprochen, und in der Schrift Toblers findet er sich auch im heute noch vorhandenen Tiefurter Journal in Weimar. Tobler schrieb ihn dann unmittelbar aus dem Gespräch nieder. Dass so die Entstehungsgeschichte ist, versuchte ich dazumal nachzuweisen. Sie finden, wie gesagt, eine Abhandlung davon im siebenten Bande der Schriften der Goethe-Gesellschaft. Und ich konnte in dieser Anerkennung der Entstehungsgeschichte durch nichts, auch nicht durch dasjenige irgendwie erschüttert werden, was jetzt - in der letzten Zeit namentlich - hier geschrieben worden ist. Goethe hat ja selbst anerkannt, dass er von dem, was er in diesem Prosahymnus niedergeschrieben hat, ausgegangen ist, indem er alles das dann fortgebildet hat, dasjenige, was in seiner Metamorphose und so weiter enthalten ist. Und er nannte alles Spätere eine Art Komperativ seiner Weltanschauung - im Gegensatz zu diesem Positiv. Sodass man also sagen kann: In diesem Prosahymnus ist enthalten alles dasjenige, was dann im höchsten Grade metamorphosisch gesteigert als Goethe’sche Weltanschauung uns entgegentritt.
Cite:
GA 277b/1920-04-17/p018 · edition original