Ansprache zur Eurythmie

GA 277b/1920-04-18/p004 ·1920-04-18 · original (original)
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Nun soll mit der Eurythmie etwas erschaffen werden, was - wie alles hier bei uns — herausgeboren ist aus echt goethescher Weltanschauung und Kunstgesinnung, aus wirklichem Goetheanismus. Ich brauche nur auf ein einzig[es] Wort hin[zu]weisen, das Goethe gebraucht hat, und es ist zu gleicher Zeit dasjenige Wort, welches, möchte ich sagen, die ganze Wesenheit des künstlerischen Schaffens und des künstlerischen Drängens charakterisiert. Es ist der Begriff, das Wort sinnlich-übersinnliche [Anschauung]. Gewiss, die Kunst muss anstreben, durch sinnliches Bild oder auch durch das Hörbare Sinnliches zu wirken, ja es muss in der Kunst nicht nur dasjenige wirken, was unmittelbar sinnlich ist, sondern es muss durch das Sinnliche dereinst sprechen das Übersinnliche, daher das Goethe’sche Wort für alles Künstlerische zu gebrauchen ist: «Sinnlich-übersinnlich». [Die] Quelle nun des Sinnlich-Übersinnlichen möchte gerade diese eurythmische Kunst versuchen wiederzufinden in ihrer Ursprünglichkeit, und zwar auf folgende Weise: Sie werden sehen auf der Bühne, wie von den einzelnen Menschen, die auftreten, Bewegungen ihrer Leibesglieder ausgedrückt werden, wie vom ganzen Menschen Bewegungen ausgeführt werden, wie von Menschengruppen Bewegungen [ausgedrückt werden]. Diese Bewegungen — man könnte sie sehr leicht ansehen für willkürliche Gesten, für eine willkürliche Mimik, die äußerlich hinzu erfunden wären zu dem, was einem musikalisch auf der einen Seite, rhetorisch auf der anderen Seite entgegentritt. Aber es ist nicht solches Willkürliches in unserer eurythmischen Kunst enthalten. Sie ist wirklich durch sorgfältiges Studium des menschlichen Sprechens und Singens selber entstanden. Dann möchte ich, um verständlich zu machen, wie das Menschen machen, auf das Gebiet der Goethe’schen Metamorphosenlehre hinweisen, jenes Prinzip, durch das Goethe es wagte, in die Wissenschaft vom Lebendigen, in die Erkenntnis vom Lebendigen etwas hinein[zu]bringen, wobei man dem Verständnis dieses [Lebendigen] wirklich näherkommen kann. Diese Goethe’sche Metamorphosenlehre ist trotz aller Bemühungen heute noch - auch von gelehrten Kreisen und künstlerischen Kreisen - viel zu wenig gewürdigt. Es sieht einfach aus, aber es steckt viel [in] dem Impulse, den Goethe [be]schreibt, indem er sagt: Schaue ich eine Pflanze an, so ist jedes einzelne Blatt, ob es nun [in einfacherer Gestalt] tief unten am Stängel sitzt oder kompliziert an einer normalen Stelle des Stängels sitzt, durch eine Metamorphose unmittelbar aus dem anderen hervorgegangen zu denken, aber auch das gefärbte Blütenblatt oder auch das Staubgefäß und Stempel sind nur metamorphosierte, umgeformte Blätter und die ganze Pflanze ist ein komplett[es] Blatt, wie jedes einzelne Blatt eine vereinfachte ganze Pflanze ist.

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Cite: GA 277b/1920-04-18/p004 · edition original