Ansprache zur Eurythmie

GA 277b/1920-08-15/p009 ·1920-08-15 · original (original)
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Nun versuchen wir hier dasjenige, was Goethe zunächst für die Gestaltung geschaut hat, auszudehnen auf das menschliche Betätigen. Sorgfältig wird studiert, welche künstlerischen Bewegungen der Kehlkopf - und seine Nachbarorgane - ausführt, wenn die Lautsprache zustande kommt. Nicht jene feinen Vibrationen, die sich von dem Organ des Menschen übertragen auf die Luft und dann fortschreiten bis zum Gehörorgan des Hörenden, nicht auf diese kommt es an, sondern auf dasjenige, was als Bewegungstendenzen zugrunde liegt, auf die dann gewissermaßen aufgefädelt sind diese Vibrationen. Ich möchte sagen, wenn wir uns einen langen Pflanzenstiel anschauen, wie etwa bei der unechten Akazie, sie bildet einen langen Stiel, dem einzelne Blättchen aufgeheftet sind. So könnten wir verfolgen Grundtendenzen, die sich schon im Kehlkopf und seinen Nachbarorganen geltend machen, Grundtendenzen für die Schwingungen der Sprache. Diese Grundtendenzen, sie werden, wenn ich das Goethe’sche Wort gebrauchen darf, durch sinnlich-übersinnliches Schauen erkannt. Und so, wie sich Goethe vorstellt, dass die gesamte Pflanze nichts anderes ist als ein komplizierter ausgestaltetes einzelnes Blatt, so lassen wir den ganzen Menschen in seinen Bewegungen dasjenige ausführen, was sonst in der Region des Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane ausgeführt wird. Also verwandeln wir tatsächlich die Lautsprache, bei der die inneren Bewegungstendenzen nicht der Aufmerksamkeit unterliegen, weil das nur dem Laute hingegeben ist, wir verwandeln die Lautsprache in eine sichtbare Sprache: Der ganze Mensch - oder Menschengruppen auch - stehen vor Ihnen auf der Bühne und führen diejenigen Bewegungen aus, die sonst unsichtbar ausgeführt werden, wenn die Lautsprache zustande kommt. Dasjenige, was der Lautsprache, ich möchte sagen als ein Untersinnliches zugrunde liegt, das wird herausgeholt und der menschlichen Gestalt als Bewegung aufgeprägt oder auch Menschengruppen als Bewegung aufgeprägt.

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Cite: GA 277b/1920-08-15/p009 · edition original