Ansprache zur Eurythmie
Meine sehr verehrten Anwesenden, gewiss, man schätzt mit einem gewissen Recht das Turnen, das in der neueren Zeit heraufgekommen ist in der Entwicklung der Menschheit. Aber Leute, die doch wieder etwas tiefer sehen - wie Spengler -, haben schon ihre Bedenken dem Turnen gegenüber geäußert. Und für den, der noch die Vorurteile in der heutigen Zeit kennt, die vorhanden sind, und der etwas voraus sehen kann, der weiß, dass das Turnen zwar, weil es vom Physiologischen des Menschen, vom Leiblichen des Menschen geleitet ist, gewissermaßen dieses Leibliche auch ausbilden kann, dass aber dasjenige, was der Mensch der Gegenwart gerade nicht hat, was er aber sehr dringend braucht - Initiative im Willen, Initiative in der Seele -, nur dadurch heranerzogen werden kann, dass beseeltes Turnen - die Eurythmie — neben dem bisherigen Turnen eingeführt wird, das mehr auf das Körperliche geht. Durch dieses beseelte Turnen, das in die Didaktik, in die Pädagogik einbezogen wird, wird jede Bewegung, die das Kind ausführt als Eurythmie, so, dass darauf hingewirkt wird, dass der ganze Mensch, nicht bloß der leibliche Teil, in Anspruch genommen wird. Das ist etwas, was nach und nach berücksichtigt werden wird gerade dadurch, weil Willensinitiative, seelische Willensinitiative neben der Körperausbildung, die allein durch das Turnen kommen kann, angestrebt werden muss.
Cite:
GA 277b/1920-08-15/p016 · edition original