21. Ansprache zur Eurythmie
Damit aber zeigt man gerade, dass man noch nicht begriffen hat, was Eurythmie will. Wenn die Künstler übertragen würden, was sich mimisch, pantomimisch im Gesicht ausdrücken lässt, in der Physiognomie, dann würde das als Anhängsel zur eurythmischen Kunst so wirken, wie etwa Grimassen wirken können, wenn man spricht. Das ist es, was gewöhnlich nicht verstanden wird: Dass es sich um eine sichtbare Sprache handelt. Fasst man das einmal, dann weiß man auch, dass, wenn dasjenige, was im Gesicht, im Haupte und so weiter zum Ausdruck kommt, wenn es entwickelt werden soll, dann wird es schon auch verwendet, dann muss es aber im Sinne der eurythmischen Bewegungslinie selber liegen. In diesem Sinne ist eben die Eurythmie durchaus etwas, sagen wir wie die musikalische Kunst selber, wo es nicht auf den einzelnen Ton ankommt, auf die einzelne Bewegung, sondern auf die gesetzmäßige Aufeinanderfolge der Bewegungen in der Melodie und so weiter. Das ist dasjenige, was auch unserer Eurythmie zugrunde liegt. Alles ist durchaus eine wirkliche Sprache. Und ebenso wenig, wie eine Augenblicksgebärde etwas anderes sein kann als eine Hilfe zu der Sprache - zu der Lautsprache etwa gebraucht wird, wenn noch besondere Leidenschaften, besondere Emotionen durch diese Lautsprache zum Ausdruck kommen sollen -, in diesem Sinne kann auch etwas von gewöhnlicher Gebärde oder gewöhnlicher Mimik dasjenige begleiten, was Eurythmie ist. Aber das Eurythmische ist in jeder einzelnen Bewegung, auch im Kleinsten, durchaus etwas, was auf sinnlich-übersinnlicher Anschauung beruht und was als ein Selbständiges aus der ganzen menschlichen Organisation so herausgeholt ist, wie sonst die Physiognomie des Kehlkopfes und der andern Sprachorgane aus dem Ganzen des menschlichen Wesens heraus die Lautsprache zustande bringt.
Cite:
GA 277c/1921-01-30/p012 · edition original