2. Ansprache zur Eurythmie
Man sieht auch, wie das Sprachliche wirkt in der Eurythmie, indem man, wenn Rezitation oder Deklamation das Eurythmische begleitet, wie Sie das hier erleben, [indem Sie sehen,] wie man nicht so rezitieren kann, wie heute das üblich ist oftmals in einem unkünstlerischen Zeitalter, wo auf den Prosainhalt der Dichtung der Hauptwert gelegt wird, was aber durchaus nicht der Hauptwert ist. Sondern es ist bei jeder Dichtung, die wirklich künstlerisch ist, dasjenige, was Rhythmus, was Takt ist, das Melodiöse die Hauptsache. Man könnte - etwas vermessen ausgesprochen - sagen, es wäre in der Dichtung, auch wenn sie zum Beispiel einen ganz anderen wortwörtlichen Inhalt haben könnte, nur so viel Künstlerisches drinnen, als an Takt, Rhythmus, melodiösem Weben drinnen ist. Das empfindet man heute nicht, wo man meint, dass dies oder jenes hervorgehoben werden müsse vom Prosainhalt und anderes fallen gelassen werden soll. Das ist eigentlich dann ein unkünstlerisches Rezitieren. Das künstlerische Rezitieren beginnt erst da, wo musikalisch die Form, das Lautliche erfasst wird. Und so würde man eben auch nicht im Sinne der heutigen unkünstlerischen Rezitation die Eurythmie mit Rezitation begleiten können.
Cite:
GA 277c/1921-02-06/p014 · edition original