23. Ansprache zur Eurythmie
Wir haben in der letzten Zeit versucht, dasjenige, was unmittelbar sprachlich ist, zum Ausdruck zu bringen durch die Bewegung, die der Mensch selber mit seinen Gliedern vollführt. Dasjenige, was Satzbau, Rhythmus, Takt ist, es wird durch die Bewegungen im Rahmen der gegenseitigen Stellung der einzelnen Mitspieler dargestellt. Sie werden Solodarstellungen und Gruppendarstellungen sehen. Im letzteren Fall ist die Gruppe dann ein lebendiger Kehlkopf. Beides ist künstlerisch gestaltete sichtbare Sprache. Und man darf wohl mit Goethe sagen, dass in dieser Eurythmie, wenn auch nicht im Entferntesten in vollkommener Weise, so doch im Goethe’schen Sinne angestrebt wird das, was dieser Dichter und Künstler aus seiner Kunst und Weltanschauung heraus mit den Worten ausspricht: Wenn der Mensch an den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich endlich zur Produktion des Kunstwerkes erhebt.
Cite:
GA 277c/1921-02-20/p017 · edition original