52. Ansprache zur Eurythmie
Man muss auch im Deklamieren und Rezitieren auf das Gestalten der Sprache, auf das Heranbilden, Heranformen des Lautbildes, auf das musikartige Thema im Gedichte den Hauptwert legen. Es wird also Rezitation, Deklamation gerade an der Eurythmie eine Neubefruchtung wiederum erleben können. Man wird wiederum lernen auch zu verstehen, worauf das Künstlerische einer Dichtung beruht; man wird wiederum verstehen, warum zum Beispiel Schiller immer gerade bei seinen bedeutendsten Dichtungen ein musikalisches Thema in der Seele webend hatte - ohne Worte - und warum er erst nachher gewissermaßen das Wortwörtliche aufreihte auf das musikalische Thema. Man wird wieder begreifen, warum Goethe selbst seine Jambendramen wie ein Kapellmeister mit dem Taktstock einstudierte. Solche Dinge glaubt eine unkünstlerische Zeit als etwas Antiquiertes anzusehen. Es ist gerade das wirklich Künstlerische.
Cite:
GA 277c/1921-10-16/p014 · edition original