52. Ansprache zur Eurythmie
Nun, abgesehen von diesen anderen Seiten des Eurythmisierens, ist eben Eurythmie eine in solchen Formensprachen und aus künstlerischen Quellen herausschöpfende Kunst, und sie hat das Eigentümliche, dass sie den ganzen Menschen mit seiner Organisation, den ganzen Menschen mit seiner inneren Gesetzmäßigkeit zu ihrem Werkzeuge macht. Nicht ein äußeres Werkzeug verwendet man, sondern den Menschen selbst. Und wenn aus einem tiefen Recht heraus durch alle Zeiten hindurch empfunden worden ist, dass der Mensch eigentlich eine kleine Welt, ein Mikrokosmos ist, in dem alles in einer gewissen Art enthalten ist, was in der großen Welt, im Makrokosmos, vorkommt, dann kann man auch annehmen, dass, wenn diese Eurythmie weiter ausgebildet wird, sie gerade deshalb etwas besonders Künstlerisches darstellen muss, weil man sich selbst in dieser kleinen Welt des Makrokosmos [Mikrokosmos?] als eines Werkzeuges bedient, nicht äußerer Werkzeuge. Man darf daher vielleicht sagen: Wenn Goethe die Kunst nennt eine Offenbarung geheimer Naturgesetze, die ohne sie niemals offenbar würden, so müssen geheime Weltgesetze künstlerisch sich besonders offenbaren, wenn man die inneren, organischen Geheimnisse des Menschen künstlerisch vor das Auge, vor den empfindenden Menschen hinstellt.
Cite:
GA 277c/1921-10-16/p020 · edition original