Ansprache zur Eurythmie
Außerdem, möchte ich sagen, ist etwas echt Menschliches diese Eurythmie auch dadurch, dass sich der Mensch in ihr nicht so verliert wie etwa in der Tanzkunst, sondern dass er sich immer voll in seinem Bewusstsein erhält, sodass man das Gefühl hat: Es ist der ganze Mensch, der sich diesen Bewegungen hingibt. Aber er verliert sich durchaus nicht in diesen Bewegungen, wie es ja schon bei allen Ausdrucksformen der echten Kunst der Fall sein muss. Wenn Goethe sagt, um seine Kunstgesinnung zu kennzeichnen: Wenn der Mensch an den Gipfel der Natur gestellt ist, betrachtet er sich wiederum als ein ganzes Kunstwerk, nimmt Harmonie, Ordnung, Maß und Bedeutung aus allem, was er in seiner Umgebung hat, zusammen und erhebt sich zur Produktion des Kunstwerkes - dann muss das ganz besonders gelten, wenn der Mensch Ordnung, Harmonie, Maß und Bedeutung nicht aus der äußeren Natur nimmt und es nicht durch äußere Werkzeuge verwirklicht, sondern wenn er sie aus seinem eigenen Organismus nimmt und durch sie verwirklicht. Denn der Mensch enthält einmal als ein Mikrokosmos alle Geheimnisse der Welt konzentriert in sich. Und er muss daher auch, indem er Ordnung, Maß, Harmonie und Bedeutung aus seinem eigenen Organismus hervorholt, ein, ich möchte sagen in sich vollkommenes Abbild von Ordnung, Harmonie, Maß und Bedeutung des Makrokosmos, der großen Welt sein.
Cite:
GA 277c/1922-05-07/p021 · edition original