Ansprache zur Eurythmie
Dasselbe, was hier durch den Gehirnorganismus zur Ruhe gebracht wird, kann wiederum zurückgenommen werden zu seiner bewegten Geste, Mimik werden, wenn man - statt den Gehirnorganismus, der in sehr schwieriger Art nur studiert werden kann -, wenn man stattdessen den Willensimpuls, den menschlichen Bewegungsimpuls in ebensolche gesetzmäßige Tätigkeit bringt, wie die Natur selbst im Sprechen oder Singen den Gehirnmechanismus [und] in seiner Fortsetzung die Sprachorgane in Bewegung bringt, wie sonst das Gehirn seine zum ruhenden Bilde gewordenen Offenbarungen in den Sprachstrom hineinfließen lassen kann: für jeden Laut, für jedes Wort, für jede Satzgestaltung eine Bewegung des ganzen Menschen. Und weil man also dasselbe im Bewegungsapparat vor sich gehen lässt wie sonst im Gehirnapparat, durch eine Bewegung des ganzen Menschen, kann dasjenige, was nun nicht aus dem Gedanken, sondern vorzugsweise aus dem Willen heraus das seelische Innenleben des Menschen offenbart, das kann vor das Auge hingestellt werden, wie durch die Sprache oder den Gesang vor dem Ohre lebendig gemacht wird dasjenige, was die Seele erlebt.
Cite:
GA 277c/1922-11-05/p010 · edition original