Eurythmie-Aufführung
Es handelt sich bei der Eurythmie um eine wirklich sichtbare Sprache oder auch einen wirklich sichtbaren Gesang. Man muss sich klar sein darüber, dass die Bewegung des einzelnen menschlichen Gliedes, die gestenartig ist, nicht irgendwie willkürlich zu einem Gedichte oder einem musikalischen Inhalte so aus der Empfindung heraus hinzugefügt ist, sondern dass alles dasjenige, was Sie hier an Bewegungen von Menschen sehen, mit einer solchen inneren Notwendigkeit aus dem Inhalt des seelischen Lebens hervorgeht wie die Sprache selbst. Und ebenso wenig wie man, um irgendetwas Seelisches auszudrücken, einen beliebigen Laut ertönen lassen kann, ebenso wenig kann man, um etwas Seelisches eurythmisch auszudrücken, irgendwie eine beliebige Gebärde formen. Eurythmie ist eben, wenn auch auf bewusste Weise, so doch genau ebenso aus dem menschlichen Organismus heraus entstanden, wie die menschliche Sprache und der menschliche Gesang aus einem Teil dieses menschlichen Organismus heraus entstehen, aus dem Kehlkopf und seinen Nachbarorganen. Und das Zustandekommen der Eurythmie beruht auf einer intimen sinnlich-übersinnlichen Erkenntnis der Bewegungsmöglichkeiten und Ausdrucksmöglichkeiten des menschlichen Organismus. Wir wissen ja, dass die Sprache ausgeht von einer Art Lallen, von mehr oder weniger ungeformten Lauten und Lautbildungen. Wir tragen nun für das gewöhnliche Leben, ich möchte sagen ein «Gebärdenlallen immer mit uns. Der einigermaßen in sich bewegte Mensch, der nicht in seiner Empfindung, in seinen Emotionen eine Art Fischnatur hat, sondern der lebendiges Blut hat, fühlt sich ja immer gedrängt, dasjenige, was er sagt, was er ausspricht, mit irgendwelchen Gebärden zu begleiten. Aber diese Gebärden, die dann auch in einer gewissen künstlerischen Umgestaltung zu dem Mimischen werden, die sind gegenüber dem, was in der Eurythmic als eine wirklich sichtbare Sprache oder sichtbarer Gesang angestrebt wird, in demselben Verhältnis wie das Lallen des Kindes zu der ausgebildeten Sprache.
Cite:
GA 277d/1923-03-25/p012 · edition original