Ansprache zur Eurythmie
Nun ist sich aber jeder bewusst, dass im Gesang und auch in der künstlerisch gestalteten Sprache Stil liegt, dass die Sprache vom Dichter zum Beispiel in einer gewissen Weise behandelt wird. Es wird etwas Rhythmisches, Taktmäßiges, es werden auch melodiöse Themen in die Sprache hinein gestaltet. Die Lautgestaltung folgt einer gewissen Imagination. Das alles ist etwas, was der Sprache zugrunde liegt, was aber in die Sprache nicht beständig eintreten kann. Derjenige, der das menschliche Leben intim mitfühlt, der empfindet, wie er eigentlich, wenn er das, was in seiner Seele liegt, seinem Kehlkopfe übergibt, es veräußerlicht. Man möchte sagen: Dem objektiven Geistigen wird dasjenige übergeben, was dem Kehlkopf übergeben wird. Man kann nun dasjenige, was die Seele da mehr innerlich erlebt, durch stilisierte Gebärden zum Ausdrucke bringen. Und in der Eurythmie wird es durch stilisierte Gebärden zum Ausdrucke gebracht, sodass eine wirkliche, sichtbare Sprache oder ein wirklicher, sichtbarer Gesang entsteht. Es ist alles, was gebärdenhaft am einzelnen Menschen oder an Menschengruppen auftritt in dieser Eurythmie, so gesetzmäßig aus dem menschlichen Organismus herausgeholt wie die einzelnen Laute der Sprache, die Vokale, Konsonanten, wie die Satzgestaltungen und so weiter.
Cite:
GA 277d/1923-06-09/p007 · edition original