Vortrag zur Eurythmie
Nun ist tatsächlich dasjenige, was durch Arme und Hände sich ausdrücken kann, etwas, was in ungemein hohem Grade das Innere des Menschen offenbaren kann. Ich muss zum Beispiel sagen, es juckt mich manchmal förmlich in den Fingern, einen Aufsatz zu schreiben über einen mir sehr lieben, vor einigen Jahren verstorbenen Philosophen, Franz Brentano. Ich habe ja über ihn manches geschrieben, aber ich möchte auch noch einen anderen Aufsatz einmal schreiben, auf das Folgende gehend. Wenn Franz Brentano den Katheder bestieg, sich hinstellte aufs Podium, da war die ganze Philosophie, die man sonst bei Brentano in ihrer geistvollen Weise bewundern konnte, die man durch Begriffe ausdrücken konnte, die man schildern konnte eben mit philosophischen Abstraktionen, diese Philosophie war viel wunderschöner als alles dasjenige, was Brentano selber sagte. Und dasjenige, was er über sie sagen kann, kam zum Ausdruck durch die Art und Weise, wie er seine Arme und Hände bewegte, wenn er sprach, wie er das Blatt, das sein Konzept enthielt, hinhielt. Es war eine ganz besondere Art der Bewegung, die immer darauf hinging, gewissermaßen zugleich durch das Blatt wie etwas Wichtiges und doch wieder wie etwas Gleichgültiges in die Gebärde hinein strömen zu lassen. Sodass man sah, wie, ich möchte sagen die ganze Philosophie sich ausdrückte in dieser Gebärde, die während einer Vortragsstunde die mannigfaltigsten Formen annahm.
Cite:
GA 277d/1923-08-26/p016 · edition original