Vortrag zur Eurythmie
Und so, wie sich der einzelne Laut formt, der einzelne Buchstabe, so formen sich dann die Sätze, so formt sich in der dichterischen Sprache dasjenige, was eben wirkliche Luftgebärde wird. Wir können heute schon an der Dichtung bemerken, wie der Dichter eigentlich kämpfen muss gegen das Abstrakte in der Sprache. Ich habe schon gesagt: Wir reden, ohne dass wir eigentlich noch mit unserer Seele in die Sprache selber hineinströmen, ohne dass wir aufgehen in der Sprache. Wer fühlt denn noch dieses Verwundern, dieses Erstaunen, dieses Perplex-Werden, dieses Sich-Aufbäumen bei den Vokalen. Wer fühlt das sanfte rundliche Umweben eines Dinges, das Gestoßen-Werden eines Dinges, das Nachahmen des Eckigen, das Ausgeschweifte, das Samtartige, das Stachelige bei den einzelnen Konsonanten. Und doch ist das alles in der Sprache enthalten. Und wir können, indem wir uns durch ein Wort durchwinden, so wie das Wort ursprünglich aus der ganzen Menschenwesenheit hervorgegangen ist, so können wir an einem Worte alles Mögliche erleben: «Himmelhochjauchzend, / Zu Tode betrübt», den ganzen Menschen, hinauf- und hinuntergehend die Skalen der Gefühle, die Skalen der Anschauung der äußeren Dinge.
Cite:
GA 277d/1923-08-26/p028 · edition original