{"corpus":"steiner","locus":"GA 277d/1924-04-21","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21","ga":"277d","lecture":"1924-04-21","lecture_number":null,"title":"Ansprache zur Eurythmie","site_heading":null,"date":"1924-04-21","location":null,"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"passage_count":16,"word_count":1707,"translation_credit":null,"witnesses":[{"lang":"de","edition":"original","is_original":true,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":16,"passage_count":16,"word_count":1707},{"lang":"en","edition":"English","is_original":false,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":16,"passage_count":16,"word_count":1718,"completeness":{"ratio":1.01,"band":"comparable","note":null}}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null},"passages":[{"locus":"GA 277d/1924-04-21/p001","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21/p001","passage_number":1,"word_count":8,"text":"## GA 277d — 21 April 1924, Dornach"},{"locus":"GA 277d/1924-04-21/p002","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21/p002","passage_number":2,"word_count":4,"text":"### Ansprache zur Eurythmie"},{"locus":"GA 277d/1924-04-21/p003","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21/p003","passage_number":3,"word_count":121,"text":"> «Vom Sieben-Nixen-Chor» von Eduard Mörike mit Musik von Jan Stuten  \n> Intermezzo in As-Dur op. 116,5 von Johannes Brahms  \n> «Schön-Rohtraut» von Eduard Mörike  \n> Romanze in F-Dur op 118,5 von Johannes Brahms  \n> «Die traurige Krönung» von Eduard Mörike mit Musik von Jan Stuten  \n> Larghetto von G. F. Händel  \n> «Du denkst dein Leiden» von Albert Steffen  \n> «Es träumt die Braut» von Albert Steffen  \n> Arie aus der Oper «Clearco in Negroponte» von Domenico Gabrielli  \n> «Wind, du mein Freund» von Christian Morgenstern  \n> Allegro von G. F. Händel  \n> Prelude in H-Dur von Frédéric Chopin  \n> Gavotte aus der Orchestersuite in D-Dur von J. S. Bach  \n> Allegro con brio D-Dur Hob. XVI.37 von Joseph Haydn"},{"locus":"GA 277d/1924-04-21/p004","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21/p004","passage_number":4,"word_count":4,"text":"Meine sehr verehrten Anwesenden!"},{"locus":"GA 277d/1924-04-21/p005","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21/p005","passage_number":5,"word_count":72,"text":"Der Versuch mit einer eurythmischen Kunst, aus dem wir wiederum hier eine Probe vorführen wollen, er geht hervor aus dem Bestreben, aus bisher noch ungewohnten künstlerischen Quellen und mit Hilfe einer auch bis heute noch ungewohnten künstlerischen Formensprache etwas zu schaffen, was als bewegter Ausdruck des menschlichen Organismus selbst weder auf der einen Seite mimische Kunst, noch auf der anderen Seite Tanzkunst ergibt, obwohl das Zustande-Gebrachte nach beiden Richtungen hin Ähnlichkeiten darbietet."},{"locus":"GA 277d/1924-04-21/p006","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21/p006","passage_number":6,"word_count":263,"text":"Es soll gar nichts gegen diese Nachbarkünste gesagt werden. Sie sollen in ihrem Werte voll anerkannt werden. Allein - Eurythmie will eben etwas anderes sein als bloß mimische Kunst, und etwas anderes als bloß Tanzkunst. Sie werden wie bei der mimischen Kunst und auch wie bei der Tanzkunst den bewegten Menschen oder bewegte Menschengruppen auf der Bühne sehen. Alle die Bewegungen, die dabei zustande kommen, sie verhalten sich zu demjenigen, was mimische Kunst ist, so, dass man sagen kann: Die mimische Kunst bemüht sich, dasjenige zu verdeutlichen, was gesprochen wird, dadurch, dass sie dem Gesprochenen Gebärden hinzufügt, die mehr auf das persönliche Erleben gehen, als in einer zivilisierten Sprache die Lautsprache gehen kann. Aber diese Gebärden sind eigentlich Zeichen für dasjenige, was durch die Lautsprache ja auch ausgedrückt werden kann. Wiederum der Tanz ist ein Ausfließen-Lassen des Leidenschaftlichen, des Willenselementes. Und er kommt dadurch zustande, dass dasjenige, was in der Seele lebt seiner Willensnatur nach, in die Bewegung übergeführt wird, wie ja überhaupt die Bewegung der Ausdruck, die Offenbarung des menschlichen Willens ist. Eurythmie soll nun in ihren Bewegungen eine wirkliche, sichtbare Sprache oder ein wirklich sichtbarer Gesang sein, sodass dasjenige, was in der Seele lebt - lebt so, dass es sich bei entsprechender Stimmung und Gelegenheit zum Ausdruck bringt in der Lautsprache und im Gesange —, dass sich dasselbe durch Gebärde, durch Bewegung am menschlichen Leibe bei einzelnen oder in Menschengruppen zur Offenbarung bringt. Das kommt dadurch zustande, dass eigentlich der Mensch, indem er sich entwickelt, zunächst durch seinen ganzen bewegten Menschen auch wiederum dasjenige ausdrücken will, was er im Inneren erlebt."},{"locus":"GA 277d/1924-04-21/p007","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21/p007","passage_number":7,"word_count":149,"text":"Das Kind, das ganz kleine Kind, bei dem zunächst die inneren Erlebnisse chaotisch sind, das Kind wendet überall hin den Blick, lässt von physischem Eindruck zu physischem Eindruck im Inneren auch sein Seelenleben spielen. Dasjenige, was das Kind im Inneren erlebt, ist durchaus chaotisch. Dem entsprechen auch die äußeren Bewegungen; sie sind chaotisch, sie sind unorientiert, sie drücken dasjenige aus, was traumhaft, chaotisch im ganz kleinen Kinde in der Seele vor sich geht. Und kommt das kleine Kind an dasjenige, was es in der äußeren Welt erlebt, so wird dasjenige, was chaotisch hervorsprudelt in der Seele, gewissermaßen abgeschliffen an dem, was in der äußeren Welt erlebt wird. Nun möchte das Kind eigentlich zunächst seiner inneren Organisation nach alles in Bewegung umsetzen, was es erlebt. Es möchte, wenn es einen angenehmen Eindruck hat, eine Art die Welt streichelnde Bewegung ausführen, wenn es einen unangenehmen Eindruck hat, eine Art Stoß ausführen."},{"locus":"GA 277d/1924-04-21/p008","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21/p008","passage_number":8,"word_count":86,"text":"Das alles ist aber etwas, wo die Welt nicht hineinströmen kann. Die Welt stößt das alles zurück, und der Mensch lernt gerade in der Kindheit, mit demjenigen, wie er sich bewegen will, an sich halten. Dadurch, dass er an sich hält - bei den Menschen des einen Volkes ist das mehr, bei den Menschen eines anderen Volkes ist das weniger der Fall -, wandelt sich dasjenige um, was sich durch den ganzen Körper zum Ausdrucke bringen will, in die Offenbarung einzelner Organsysteme beim Sprechen, beim Singen."},{"locus":"GA 277d/1924-04-21/p009","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21/p009","passage_number":9,"word_count":106,"text":"Nun aber kann man wiederum jede Offenbarung des Gesanges, also Laut und Ton, zurückverwandeln in die entsprechenden Bewegungen. Wenn man eine Verwunderung ausdrücken will zum Beispiel - man wächst eigentlich so heran, dass man diese Verwunderung mit den ausgebreiteten Armen andeuten will. Das kann man nicht. Die Welt stößt einen zurück. Daher drängt sich dasjenige, was Verwunderung ist, zusammen in ein Organsystem. Es wird der Laut a daraus. - Und so kann man, wenn man versteht, wie aus der menschlichen Form alle möglichen Bewegungen hervorkommen, immer sagen: Mit einer bestimmten Bewegung hängt ein bestimmter Laut der Verwunderung, des Erstaunens, der innerlichen Bejahung und so weiter zusammen."},{"locus":"GA 277d/1924-04-21/p010","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21/p010","passage_number":10,"word_count":114,"text":"Das merkt man nicht mehr, wenn die Sprache wirklich eingetreten ist oder wenn der Gesang da ist. Aber es ist doch so, dass wir unser Sprechen und Singen dem Umstande verdanken, dass wir unsere Bewegungen zur Ruhe bringen. Nun kann man dasjenige, was in den Laut, in den Ton, in den Gesang hineingegangen ist, wiederum herausholen. Gestaltet man es nachher ebenmäßig, künstlerisch - es würde, wenn der Mensch das nicht tun würde, unebenmäßig gestaltet -, gestaltet man es nachher, wenn man es herausholt, künstlerisch, dann ist für alles, was im Laut und Ton gegeben werden kann, auch eine Bewegung da: Das ist die Eurythmie. Sodass sie wirklich ein sichtbarer Gesang, eine sichtbare Sprache ist."},{"locus":"GA 277d/1924-04-21/p011","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21/p011","passage_number":11,"word_count":101,"text":"Nun muss man eben durch eine genaue Menschenkenntnis wissen, welche Bewegung einem bestimmten Laut und Ton entspricht. Dass dazu mancherlei notwendig ist, das können Sie schon daraus ersehen, dass ja 1912 begonnen worden ist, zunächst in ihren Anfängen die Eurythmie zu begründen, dann immer weitergearbeitet worden ist, und erst vor kurzem ist hier innerhalb des Rahmens der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft ein Kursus in Toneurythmie von mir gehalten worden, wo gerade die Toneurythmie wiederum weiter ausgebildet worden ist. Aber das andere gehört auch dazu. Zum Beispiel sind wir heute im Anfange, allein ungeheuer weite Entwickelungsmöglichkeiten liegen gerade in dieser Eurythmie darinnen."},{"locus":"GA 277d/1924-04-21/p012","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21/p012","passage_number":12,"word_count":165,"text":"Nun kann man schon sagen: Es gibt, wenn ein wirklicher Dichter eine Dichtung macht, außer dem, was er in die Worte hineinlegt, dahinter noch etwas. Gewiss, viele Menschen hören sich Dichtungen wie Prosaausdruck an, dem Inhalte nach. Die haben überhaupt keinen Begriff von Dichtungen, aber es liegt etwas hinter jeder Dichtung, die ein Kunstwerk ist, was man mit einem Worte nennen kann: Begeisterung. Das liegt einmal hinter der Dichtung: Begeisterung. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, wo steckt die Begeisterung? Man mache sich nur einmal klar, in welcher inneren Verfassung man als Mensch steckt, wenn man begeistert ist, begeistert in Traurigkeit oder begeistert in Freudigkeit. Und man denke sich nun, der Dichter erlebt irgendeine Situation, irgendetwas. Er will es eigentlich ausdrücken, indem er seinen ganzen Menschen bewegt. Er will leben in seinem ganzen Menschen. Das kann er nicht, das muss er unterdrücken. Nach außen will es, es geht aber nach innen: Da ist es die Begeisterung, da geht es weiter, modifiziert sich, wird Laut oder Ton."},{"locus":"GA 277d/1924-04-21/p013","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21/p013","passage_number":13,"word_count":159,"text":"Der Dichter sagt mit Recht: «Spricht die Seele, so spricht, / ach, schon die Seele nicht mehr.» Die Lautsprache, sie hat insbesondere in zivilisierten Völkern etwas Konventionelles, etwas Abstraktes und so weiter. Die Seele lebt nicht mehr ganz in der Sprache, aber in der Begeisterung, die gewöhnlich so etwas allgemein nebulös ist, da lebt eigentlich, was der Dichter will. Das wird herausgeholt. Die Begeisterung bildhaft gemacht, am Menschen wirklich bildhaft gemacht, das ist Eurythmie wiederum. Sodass, wenn ein Gedicht hier zur Darstellung kommt, können Sie auch sagen: Was an Begeisterung in dem Dichter lebt - und bei Begeisterung stellt man sich so etwas allgemein Nebulöses vor -, das wird belebt, das wird anschaulich gemacht, und das tritt hervor in den Arm- und Handbewegungen, in den Beinbewegungen der Gruppen. Das ist das Spezifische, das hinter der ganzen Dichtung steht. - Und ebenso ist es das MusikalischBegeisternde, das in der Toneurythmie zum Ausdrucke kommt. Das kommt wirklich durch diese Eurythmie zustande."},{"locus":"GA 277d/1924-04-21/p014","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21/p014","passage_number":14,"word_count":148,"text":"Sie haben neben dem, was sichtbarlich auftreten kann, das Instrumental-Musikalische, das auf der einen Seite auftritt, oder die Rezitation und Deklamation, die auf der anderen Seite auftritt. Diese muss so getrieben werden wie hier, sodass man schon das gewisse Eurythmische in der Rezitation und Deklamation drinnen hat. In dieser Beziehung wird heute ja vielfach Eurythmie noch nicht verstanden; aber man versteht heute auch nicht das Eurythmische in dem Imaginativen der Sprache, in dem Imaginativen des Gesanges, in dem namentlich Musikalischen der Sprache und in dem eigentlichen Melos des Gesanges. Diese Dinge werden heute viel zu unkünstlerisch genommen. Daher gibt es sogar Leute, die da sagen, man solle womöglich den Sinn einer Dichtung betonen, und unterdrücken Rhythmus, Takt, Reim und so weiter. Diese Dinge müssen aber gerade hervortreten in wahrhaftiger Rezitation und Deklamation. Da muss das Musikalische und dass Imaginative, das in der Sprache liegen kann, ganz besonders hervortreten."},{"locus":"GA 277d/1924-04-21/p015","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21/p015","passage_number":15,"word_count":46,"text":"Und so kann man sagen: Gerade das, was der Dichter nur in die Sprachbehandlung hineinlegen kann dadurch, dass er irgendwie rhythmisch die Sprache gestaltet - oder in Wiederholungen, in Nachklängen, Reimklängen und so weiter hat -, in alledem liegt dasjenige, was dann durch Eurythmie sichtbar wird."},{"locus":"GA 277d/1924-04-21/p016","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/277d/1924-04-21/p016","passage_number":16,"word_count":161,"text":"Immer muss betont werden: Wir stehen mit der Eurythmie im Anfange der Entwicklung, aber die Eurythmie bedient sich des Menschen selber als des vollkommensten Instrumentes, das man haben kann. Alle anderen Instrumente sind äußerliche. Der Mensch aber enthält eigentlich alle Geheimnisse der Welt, des Daseins, des Kosmos, ist ein wirklicher Mikrokosmos. Wenn man also den Menschen als ein Werkzeug künstlerisch verwendet, so hat man wirklich die Möglichkeit, alle Geheimnisse des Kosmos, die die Seele ja erleben kann, zur Darstellung zu bringen. Daher wird schon Eurythmie, wenn sie auch heute erst im Anfange ihrer Entwicklung ist, sich zu immer größerer Vollkommenheit ausgestalten lassen. Und man kann hoffen, dass dasjenige sich erfüllt, was heute empfindet, wer die Entwicklungsmöglichkeiten schaut, die eben in der Beweglichkeit des ganzen menschlichen Organismus liegen, man kann hoffen, dass [das], was der voraussagt - nämlich, dass Eurythmie sich einmal als eine vollberechtigte Kunst neben die anderen Künste hinstellen kann -, dass das auch in der Zukunft wirklich eintreten werde."}]}