Eurythmie-Aufführung
Es wäre sogar gut denkbar, dass Menschen sich aneigneten ein ebensolches Verständnis für die sichtbare Sprache der Eurythmie wie für die Lautsprache; dann wäre es möglich, gerade das Künstlerische einer Dichtung bloß durch Eurythmie vorzuführen. Ich sage: des Künstlerischen, nicht den Prosainhalt. Denn man muss gerade vor der künstlerischen Empfindung das Folgende sich zum Bewusstsein bringen. Der Dichter will eigentlich letzten Endes nicht in seiner Dichtung dasjenige zum Ausdruck bringen, was der Prosainhalt ist, sondern er betrachtet diesen nur als eine Art von Vorwurf, als eine Art von Stoff. Er formt diesen Prosainhalt. Er formt ihn nach der Satzfolge, nach dem Melos, der Melodie der Laute, er formt ihn nach Hoch- und Tiefton, Länge und Kürze, nach dem Metrum. Also er formt ihn nach Reim oder Alliteration. Es ist schon eine gewisse Eurythmie dasjenige, was dann der Dichter aus dem Stoffe macht, was er macht über den Prosainhalt hinaus. Das würde man restlos sehen können in einer Darbietung, wenn sie sogar nicht von Rezitation und Deklamation begleitet würde. Aber so, wie das hier auftritt, wirkt die Rezitation und Deklamation mit der Eurythmie zusammen, ich möchte sagen orchestral, sodass wir von zwei verschiedenen Instrumenten dasjenige [zusammenwirkend] vernehmen, was das Ganze der Dichtung ausmacht.
Cite:
GA 277d/1924-05-04/p011 · edition original