SECHSTER VORTRAG
Wenn Sie das nun in der Empfindung weiter ausführen, wovon ich gesprochen habe, dass das Musikalische in den Spannungen liegt, in den Lösungen, in der Auf- und Abbewegung, dann haben Sie ja etwas, was die Musik ausdrückt. Aber sie drückt eben nicht dasjenige aus, was den Sinn der Worte bildet, sondern sie drückt dasjenige aus, was das Geistige in der Tonbewegung selber ist. Und deshalb wird es für den Eurythmisten von ganz besonderer Wichtigkeit sein, dass er auf so etwas, was die Bewegung im eminentesten Sinne ganz innerlich ausdrückt, auch eine ganz besondere Rücksicht nimmt, das ist: die Dissonanz und die Konsonanz. Nicht wahr, der Komponist wird ja niemals ohne Absicht eine Dissonanz gebrauchen; aber eine Musik ohne Dissonanzen ist ja eigentlich keine Musik, weil sie nichts innerlich Bewegtes ist. Der Komponist, der Musiker überhaupt, gebraucht die Dissonanz. Er hat eigentlich die Konsonanz dazu, um die Dissonanzen wiederum zu beruhigen, um die Dissonanzen zu irgendeinem Abschlusse zu bringen. Aber in demjenigen, was an der Dissonanz und Konsonanz erlebt wird, wird überhaupt etwas zum Vorscheine gebracht, was mehr, als man in Worten sagen kann, an das Weltgeheimnis herantrifft.
Cite:
GA 278/1924-02-25/p031 · edition original