Zwölfter Vortrag
Nun ist gerade diese Übung ausgezeichnet für die Pädagogik in bezug auf die Eurythmie. Und zwar, wenn man bei Kindern beobachtet, daß sie neidisch sind oder ehrgeizig sind - Eigenschaften, die man ja bei Kindern verbessern will -, so läßt man sie mit einer besonderen Inbrunst diese Übung machen, und man wird das Folgende dadurch zur Ausführung bringen. Nicht wahr, man soll ganz selbst-verständlich in der Erziehungskunst auch nicht einmal in der leisesten Art irgend etwas anbringen, was magisch genannt werden könnte, denn alles Magische würde in der Erziehungskunst stark suggestiv wirken. Man würde auf das Unbewußte des Kindes zurückwirken. Das ist man aber nur in der Lage zu tun bei schwachsinnigen Kindern, bei minderwertigen Kindern; ist auch nur erlaubt bei minderwertigen Kindern. Solange aber Eigenschaften abnormer Natur seelische Eigenschaften bleiben, ist es durchaus notwendig, daß, abgesehen von allem Suggestiv-Magischen, auch rein seelisch gewirkt wird. Was geht denn hier vor, wenn ich vier Kinder diese Übung machen lasse? Sie hören sich an wiederholt: «Ich und du.» Dadurch kommt das Element des Zusammengehörens, der Geselligkeit, des Miteinander-Beziehunghabens der Menschen zum Bewußtsein, das dann in dem «sind wir» zum Bewußtsein gebracht wird. Und bei der Gebärde, die dabei gemacht wird, kommt lediglich das zum Ausdrucke, daß das Kind die Aufmerksamkeit auf das, was gemacht wird, was seelisch auf es wirkt, entwickelt. Es ist also nicht das geringste Suggestive dabei. So daß man also sagen kann: In diesem Tanz hat man ein Mittel gegen die Eigenschaften, neidisch zu sein, falschen Ehrgeiz zu haben. - Man kann nur die Anwendung davon machen bei gesunden Kindern, indem man sie diese Übung machen läßt, sie bei vollem Bewußtsein, ohne jede Suggestion, ohne jede Magie anwendet.
Cite:
GA 279/1924-07-09/p018 · edition original