1. Die Sprachgestaltung als Kunst
Ich kam einmal zu einer anthroposophischen Versammlung, die gelegentlich eines Kursus veranstaltet wurde, einer Art Nachmittagstee; da sollten auch künstlerische Produktionen stattfinden. Ich will über die übrigen nicht sprechen, aber über eine doch. Ich hatte gar keinen Anteil am Programm; das hatte das Ortskomitee. Und da trat mir der hauptsächlichste Veranstalter eigentlich entgegen, und ich erkundigte mich nach dem Programm. Da sagte er, daß er nun selber rezitieren werde. Ich habe da die Technik anwenden müssen, die ja überhaupt in solchen Dingen manchmal notwendig ist, bis ins Innerste zu erschrecken und es nicht zu zeigen. Das muß man auch erst lernen, aber ich glaube, es ist mir dazumal zunächst gelungen, dieses Stückchen. Dann aber fragte ich, was er denn nun rezitieren wollte. Da sagte er mir, zuerst ein Gedicht, das herrührt von dem Erzieher Friedrich Wilhelms IV., das auf Kepler ist. Ich kannte das Gedicht zufällig, es ist ein wunderschönes Gedicht, aber furchtbar lang, mehrere Druckseiten lang. Ich sagte: Das wird aber etwas lang sein. Da sagte er, er wollte das nicht allein rezitieren, sondern er wollte gleich darauf folgen lassen noch das Goethesche «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», und dann, wenn es noch geht, meinte er, Goethes «Geheimnisse». Und nun konnte ich tatsächlich den Schreck mit aller Technik nicht mehr so leicht zurückhalten!
Cite:
GA 282/1924-09-05/p016 · edition original