1. Die Sprachgestaltung als Kunst
Man verfährt so, wie man etwa verfahren würde, wenn man, sagen wit, jemandem das Pflügen lehren wollte und keine Rücksicht darauf nehmen würde, wie der Pflug ausschaut, wie der Acker ausschaut, auf dem man pflügt, was durch das Pflügen erreicht werden soll, sondern fragen würde: Ja, da ist der menschliche Oberarm, der menschliche Unterarm; welchen Winkel soll naturgemäß - dieses Wort gebraucht man ja sehr häufig — Ober- und Unterarm haben? Wie soll sich der Unterschenkel bewegen, wenn sich Ober- und Unterarm in einem bestimmten Winkel bewegen, einstellen? Und so weiter. — Wie wenn man gar nicht Rücksicht darauf nehmen würde, was der Pflug auf dem Felde erreichen soll, und bloß fragen würde, welche Methode bringt den Menschen in eine bestimmte Form von Bewegungen. So sind diese Methoden für das Sprechen eingerichtet. Sie werden mit Ausschluß des objektiven Bestandes der Sprache gepflogen. Pflügen lehrt man einen Menschen dadurch, daß man vor allen Dingen den Pflug zu behandeln weiß, daß man weiß, wie richtig gepflügt wird, und daß man dann achtgibt, daß der Mensch das nicht falsch macht. Und so handelt es sich auch bei der Sprachgestaltung darum, daß alle diese heute in der dilettantischesten Weise aufgestellten Methoden, weil sie das nicht berücksichtigen, was ich gesagt habe, daß diese Methoden von Atemtechnik, Zwerchfelltechnik, Nasenresonanz und so weiter, alle so unterrichten, als ob die Sprache eigentlich gar nicht da wäre, daß sie nicht ausgehen von der Sprache, sondern im Grunde genommen von der Anatomie. Dasjenige, um was es sich handelt, ist, daß man vor allen Dingen den Organismus der Sprache selber kennenlernt. Der Organismus der Sprache ist im Laufe der Menschheitsentwickelung aus dem Menschen heraus gekommen. Daher wird er im wesentlichen, wenn er richtig erfaßt wird, der menschlichen Organisation nicht widersprechen, und wo er ihr widerspricht, muß es in den Einzelheiten gefunden werden, kann nicht eine Korrektur erfahren durch Methoden, die eigentlich mit der Sprache im Grunde so viel zu tun haben wie das Turnen mit dem Pflügen, wenn nicht gerade ein Pflug unter die Turngeräte aufgenommen würde, was ich bisher in keiner Turnanstalt gefunden habe. Ich würde es nicht als eine Torheit betrachten, einen Pflug unter die Turngeräte aufzunehmen; es wäre vielleicht sogar ganz gescheit, aber es ist eben noch nicht geschehen.
Cite:
GA 282/1924-09-05/p031 · edition original