3. Die Sprache als gestalteter Gestus
Denken Sie nur, wie viele Menschen heute einfach Anstoß daran nehmen, wenn irgend jemand, genötigt durch das Künstlerische, einen Satz nach dem Verse und nicht nach der Syntax gestaltet, wenn er also etwas, wovon der Prosagläubige meint, von der einen Verszeile müsse die Sache in die nächste hinübergezogen werden, nicht tut, sondern einfach dem Vers gehorcht und nicht der Grammatik! Wir haben in dieser Beziehung heute sogar innerhalb unserer Literatur eine starke Anomalie. Die jüngeren Dichter möchten mit aller Gewalt wiederum zu Stil kommen und bringen es dahin, mitten im Satze drinnen, der sich organisch noch in die nächste Zeile hinüberschlingt, den Reim anzubringen, so daß der Reim mitten im Satze steht, im grammatischen Satze, nicht im versifizierten Satze. Da muß man sagen: Gewiß, es sind Gründe vorhanden, das nicht zu tun. Aber innerhalb eines Geisteslebens, wie das heutige es ist, wo jedes Stilgefühl verlorengegangen ist, kann man wiederum voll begreifen das Bestreben jüngerer Dichter, den Reim dahin zu setzen, wo der Grammatik ein Faustschlag versetzt wird. Dann ist aber auch der Rezitator gehalten, diesen Reim nun tatsächlich nicht zu verschlucken, sondern in seine Rezitation hineinzuziehen und ebenso der Grammatik einen Faustschlag zu versetzen. — Es ist heute in einer gewissen Beziehung ein vollentwickelter Kampf da zwischen Kunst und Geschmack, und man soll sich bewußt in diesen Kampf zwischen Kunst und Geschmack, insbesondere in der Sprachgestaltung, heute hineinstellen wollen.
Cite:
GA 282/1924-09-07/p006 · edition original