7. Die Wahren Ästhetischen Formgesetze
Daraus aber, glaube ich, kann sich leicht die Empfindung ergeben, daß im Sinne echter wahrer Kunst der Ausspruch, daß sich über den Geschmack nicht streiten läßt, dennoch ein ganz richtiger Ausspruch ist. In Grunde genommen läßt sich ja natürlich über alles streiten, auch über Sätze der Mathematik. Wenn der eine einen mathematischen Satz ableitet und etwas anderes bekommt als ein anderer, der ihn auch ableitet, kann man natürlich streiten; der Streit kann vielleicht sogar heftig werden, aber es hat eben einer einen Fehler gemacht. Nun, so leicht ist das natürlich bei der Schönheit, bei der Kunst nicht zu durchschauen. Aber durcharbeiten kann sich der Mensch doch zu einer Anschauung, bei welcher er sich klar wird, daß allerdings das, was künstlerisch ist in einem höheren Sinne, ebenso feste Gesetze und feste Formen hat, sogar Formen hat, welche in den tieferen Wesensgesetzen des Kosmos voll begründet sind. Vielleicht darf sogar zugegeben werden, meine lieben Freunde, daß man sich zu dem Satze «über den Geschmack läßt sich nicht streiten» erst mühsam im Leben durchringt, daß das eine Anschauung ist, die man sich erst allmählich erwirbt. Aber man kann im Laufe seines Lebens zu der Anschauung kommen, daß die Kunst eine Manifestation höherer Naturgesetze ist, die ohne die Kunst nicht offenbar werden würden - ich gebrauche noch einmal das Goethesche Wort -, man kann zu der Überzeugung kommen, daß die Kunst diese Manifestation höherer Naturgesetze ist, um die sich eigentlich im Grunde genommen nicht streiten läßt.
Cite:
GA 286/1914-07-05/p028 · edition original