7. Die Wahren Ästhetischen Formgesetze
Der Darwinismus und all das, was sich im 19. Jahrhundert daran angeschlossen hat, hat große Verdienste um den Fortschritt der menschlichen Erkenntnis und der Kulturentwickelung, allein er hat auch große Einseitigkeiten gebracht, zum Beispiel da, wo man etwas, was nur einseitig eben gilt, als ein allgemeines Weltgesetz hinstellt: das ist das Gesetz von der sogenannten «Auslese». Dieses Gesetz zu kennen ist außerordentlich wichtig, aber es als allgemeines Gesetz hinzustellen, ist eben einseitig. Man kam dann dazu, etwa in der folgenden Weise darüber zu denken. Man sagt: Woher kommt es, daß die Lebewesen zweckmäßig aufgebaut sind? Sie zeigen eine zweckmäßige Einrichtung, woher kommt dieses? - Nun, da sagt der monistisch gefärbte Materialist der Gegenwart: So töricht wie unsere Vorfahren sind wir nicht mehr, wir sind heute gescheite Leute, ganz gescheite Leute, daher glauben wir nicht, daß irgendwelche geistigen Wesenheiten in den Organismus, in das organische Wesen eine zweckmäßige Einrichtung hineingelegt haben, sondern es liegt in der Natur, daß ursprünglich Zweckmäßiges und Unzweckmäßiges, bunt durcheinander, entstanden ist. Das ist dann in den Kampf ums Dasein getreten. Das Zweckmäßige hat im Kampf ums Dasein gesiegt, hat das andere ausgerottet, und es hat sich nun vererbt, so daß nach einer gewissen Zeit nur das Zweckmäßige vorhanden ist. - So hat man kausal, aus der Ursache heraus, sich die Zweckmäßigkeit der Einrichtung des Organischen erklärt.
Cite:
GA 286/1914-07-05/p030 · edition original