7. Die Wahren Ästhetischen Formgesetze
Aber der Mensch ragt mit seinem Ich-Bewußtsein aus dem Farben- und Lichtmeer heraus und das gibt ihm sein Ich-Bewußtsein. Wo der Mensch beeinflußt werden soll in seiner Färbung, wie bei den verschiedenen Rassen, da geschieht die Beeinflussung nicht durch Farbe und Licht, sondern durch die Wärme- und klimatischen Verhältnisse. Aber aus einem ganz anderen Grunde sind die Kolibris in gewissen Gegenden an ihrer Außenseite mit allerlei Farben bedeckt, als der Mensch in diesen Gegenden mit negerhaftem Schwarz bedeckt ist. Bei den Kolibris sind es die Farben- und Lichtverhältnisse, bei dem Menschen - zum Beispiel, daß der Neger schwarz ist - sind es die Wärme- und klimatischen Verhältnisse, weil eben der Mensch mit seinem Ich sich herausarbeitet aus dem Meere des Farbigen und dieses nur in seinem Astralleib verarbeitet. Sonst würde sicherlich - wenn ich mich radikal und daher auch natürlich paradox ausdrücken soll - der Landmann, der immer unter Grünem lebt, wenn er nicht ein Ich hätte, durch das er hinausragt aus dem flutenden Farbenmeer, mit einer grünen Hautfarbe herumgehen; und der Städter, der immer unter grauen Häusern lebt und nur selten hinausgeht - wenn Ursprünglichkeit in diesem Wechselverhältnis wäre -, würde schrecklich grau aussehen in seiner Hautfarbe. Aber doch stecken auch wir drinnen, schwimmen gleichsam mit unserem Astralleib in dem flutenden Farbenmeeer, nur haben wir das, was der Astralleib aus dem flutenden Farbenmeer aufgenommen hat, auf eine andere Art auf genommen. Wir färben dadurch nicht unser Haar, tragen auch keine Federn, die wir färben würden durch das, was wir durch den Astralleib aufnehmen, dafür aber empfinden wir, ohne daß wir die Farbe ausbreiten an uns, an der Farbe. Würden wir das Grün aufnehmen in unseren Astralleib, oder Blau oder Rot, und es einfach ausbreiten, und uns nach der Färbung der Außenwelt die Eigenfärbung geben, dann würden wir ganz anders zur Farbenwelt stehen als jetzt. Aber das tun wir nicht. Wir nehmen die Farben in einem geistigen Sinne in uns herein und stehen dem Blau zum Beispiel so gegenüber, daß es für uns der Ausdruck wird der ruhigen Empfindung. Rot ist der Ausdruck des leidenschaftlich Feurigen, das heißt, es setzt sich für uns, weil wir mit unserem Ich aus dem flutenden Farbenmeer herausragen, in flutendes Empfinden um. Dieses bezeugt uns also, daß wir im Grunde genommen gegenüber dem Farbensein in dem Kosmos drinnen schweben, und daß wir im Grunde genommen, selbst wenn wir nur den natürlichen Farben gegenüberstehen, gerade der Farbenwelt gegenüber, auch wenn sie nur die natürliche ist, schon versucht sind, ästhetisch zu empfinden, Schönheitsmaßstäbe anzulegen. Das aber bedingt, daß wir lernen, mit den Farben zusammenzuwachsen, daß wir lernen, in dem Farbigen wie in unserem Element zu leben.
Cite:
GA 286/1914-07-05/p035 · edition original