7. Die Wahren Ästhetischen Formgesetze

GA 286/1914-07-05/p045 ·1914-07-05 · original (original)
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Meine lieben Freunde, auch die äußere Geschichte könnte diejenigen, die sehen wollten, lehren, daß die Dinge so sind. Versuchen Sie einmal bloß darüber nachzudenken, warum diejenigen Völkerschaften, die von Nord- oder Mitteleuropa mit den Menschen der griechisch-lateinischen Kultur in Zusammenhang gekommen sind, bei diesen so lange als Barbaren gegolten haben, warum sie lange nicht sich in die Kunst hineinfinden konnten. Aus keinem anderen Grund, als weil diese keltisch-germanisch-slawischen Völkerschaften noch auf einer früheren Bewußtseinsstufe standen als die griechisch-lateinischen Völker. Sie waren noch nicht angekommen bei der vollen Geburt des Ich, sie verstanden nichts von der imitativen Kunst. Sie bildeten gleichsam den Nachschub einer früheren Zeit. Man studiere daher die Kunst im Mittelalter, und man wird finden, daß das, was nicht imitative Kunst ist, eigentlich das Bedeutsame in der mittelalterlichen Kunst bildet. Die architektonische Kunst, die Kleinkunst, in denen man nicht nachahmt, sondern aus dem Innern heraus schöpft, das ist da das Charakteristische, während sich erst nach und nach auch die nordischen Völker durchdringen mit dem, was das Imitative der Kunst ist.

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