Dritter Vortrag

GA 287/1914-10-24/p023 ·1914-10-24 · original (original)
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Gewiß, man kann sich auf so etwas berufen, was Voltaire schrieb in einem Briefe vom Jahre 1768: «Ich habe stets daran geglaubt, ich glaube und ich werde stets daran glauben, daß Athen, was Tragödien und Komödien anlangt, von Paris in jeder Beziehung übertroffen werde. Ich behaupte kühn, daß alle griechischen Tragödien wie schülermäßige Arbeiten aussehen, verglichen mit den herrlichen Szenen des Corneille und den vollendeten Tragödien Racines.» Man könnte das auch vergleichen mit einem Schreiben Schillers an Goethe, in dem er etwa sagt: Da Sie nicht als Grieche und nicht als ein Italiener geboren sind, da Sie geboren sind in dieser kalten nordischen Natur, so haben Sie in sich ein ideelles Griechenland erstehen lassen müssen. - Aber trotzdem darf man nicht glauben, daß in Mitteleuropa das Griechentum in einer so adäquaten Weise aufgetaucht ist wie im Franzosentum. Wenn man die «Iphigenie» nimmt, sieht man, es lebt darin die Sehnsucht nach dem Griechentum. Goethe glaubte die Kunst anders verstanden zu haben, nachdem er sie in Italien erlebte - und doch: in der «Iphigenie» Goethes lebt etwas ganz anderes als in einem griechischen Kunstwerke. Über die Art und Weise, wie die Dinge künstlerisch gestaltet sind, könnte ich viel sagen; ich will aber diese Dinge in diesen Vorträgen nur andeuten.

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Cite: GA 287/1914-10-24/p023 · edition original