Vierter Vortrag
Das ist ja das Eigentümliche der Menschennatur, daß der Mensch reden kann und durchaus nicht immer Gedanken zum Ausdruck bringt, daß das, was in der Rede als Gedanke erscheint, oft Maja ist; es ist gewissermaßen nur eine Entladung seiner Willens- oder Gefühlssphäre. Gedanken zu haben, ist aber noch etwas anderes, etwas mehr. Trotzdem es der Vorzug des Menschen ist, solche Denkimpulse zu haben, gehört es zu dem Schwierigsten, daß der Mensch seine Denkimpulse von wirklichen Gedanken durchpulsen läßt. Für das alltägliche Leben geht es noch, aber wenn man für die großen Impulse der Menschheitsevolution die richtigen Gedanken haben will, dann darf man nicht einmal stehenbleiben bei dem, was aus dem Fühlen kommt, noch weniger bei dem, was aus dem Willen kommt. Man muß das Denken durchsonnen lassen von noch Höherem. Konkret gesprochen: Man muß nicht nur die einzelnen Kultursphären, wie sie nacheinander auftreten, auf die Seele wirken lassen, sondern man muß auch dasjenige fühlen, was als noch tiefere Impulse in diesen Kultursphären wirkt. Das kann man nur zum Ausdruck bringen in der Wirkung der Kuppel.
Cite:
GA 287/1914-10-25/p047 · edition original