Die Hieroglyphe des Dornacher Baus II
Sehen wir uns dasjenige an, was ja die verehrten Freunde gesehen haben in Wirklichkeit. Indem wir uns das vor Augen führen jetzt in nichtfarbigen Bildern, müssen wir eben gleich darauf aufmerksam machen, dass das Wesentliche gerade der Ausmalung der kleinen Kuppel nicht die Motive sind, sondern das Herausholen der Motive aus den Farben. Da liegt eigentlich der erste Anfang, ich möchte sagen dessen, was voraussichtlich die Malerei der Zukunft wird bringen müssen. Der Mensch wird ja immer mehr und mehr begreifen müssen, dass eigentlich in den Einzelheiten der Natur im Wesentlichen immer Wesenhaftes liegt. Dass zum Beispiel, wenn man in eine Farbe sich vertieft, oder namentlich in eine Farbenzusammenstellung, dass dann nicht vorliegt einfach diese Farbenzusammenstellung, sondern dass die Farbe als solche etwas Lebendiges ist, etwas aus sich heraus Wirkendes, und dass es möglich ist, sich zu erziehen zum Beispiel zu einem Zusammenleben mit der blauen Farbe. Man wird dann das Gefühl bekommen, die blaue Farbe gibt einem den Eindruck des Gestalteten, des sich Bewegenden, desjenigen, was im Raum sich bewegt oder sich gestaltet. Man wird daher, wenn man gestaltend zu Wege geht, etwas kriegen, das Sie aus dem Blau herausholen. Das Rote oder Gelbe gibt Ihnen den Eindruck, als ob es sich offenbaren wollte, Ihnen entgegenkäme, auf einen einredete. Während das Blaue an einem vorbeigleitet, gibt das Rote den Eindruck, als ob es auf einen zukommt.
Cite:
GA 288/1920-04-05/p009 · edition original