10. Zweiter Vortrag: Die Kunst, eine Offenbarung geheimer Naturgesetze
Indem der Mensch in Urzeiten aufblickte zu dem Unsterblichen, zu dem Ewigen der Menschenseele, so sah er ja zurück zu den Ahnen. Diejenigen Seelen wurden für ihn allmählich Götterseelen, welche die Ahnenseelen, die Vorfahrenseelen waren. Und das Grab der Ahnen blieb ihm die heilige Stätte, welche ihm ein Geistiges in sich schloss. Die Grabstätte, sie ist für eine gewisse Kulturströmung der erste Bau, der Bau der Menschenseele, die aus dem Irdischen hinweggegangen ist. Im griechischen Tempelbau fühlt man noch etwas von einem Nachklang des Gräberbaus. Und der traurige Gräberbau ist aufgegangen in heiterer Weise im griechischen Tempelbau, indem die hingeschiedene Menschenseele, die als die Ahnenseele einmal göttlich verehrt worden ist, zum Gotte selbst geworden ist. Aus dem Bau über dem Ahnengrab, wo der Seele, der göttlich verehrten Ahnenseele eine Ruhestätte geschaffen werden sollte, wurde der Tempelbau des Gottes Apollon, Zeus, Athena. Und die Tempelumhüllung wurde der Ausbau desjenigen, was einstmals als Ahnengrab vorhanden war. Wie aus der Ahnenseele der Gott wurde, so wurde aus dem Grabesbau der griechische Tempelbau. Wie zu der Ahnenseele als zu dem Verflossenen hingeschaut wurde, der Grabstättenbau dadurch einen tragischen Ausdruck bekam, so wurde aus dem Grabesbau der Tempelbau in seiner Heiterkeit, in seinem Freudevollen, weil er ja jetzt die Umhüllung nicht der hingegangenen Seele, sondern der in der Gegenwart vorhandenen unsterblichen Götterseele geworden war. Man kann sich ja einen griechischen Tempel nur als das Wohnhaus des Gottes denken. Der griechische Tempel ist nichts Vollkommenes für sich. Es kann nur geben einen Apollotempel, einen Zeustempel, einen Athenatempel. Der Grieche ging zu seinem Tempel, indem er wusste: Da wohnt der Gott. Wenn wir einiges auslassen von architektonischen Stilformen, können wir dann vorschreiten zum Beispiel des gotischen Baus, zum Dombau. Schauen wir wiederum die Form des Domes an: Wir sehen in ihm nicht mehr irgendeine Erinnerung an den Grabesbau, höchstens in unorganischer Weise durch Tradition erhalten, indem der Altar ja erinnert an den Grabstein, aber das ist unorganisch in das Ganze hineingebracht, der gotische Baugedanke ist etwas anderes. Der griechische Tempelbau ist dasjenige, was sich durch die Bezwingung der Erdschwerekräfte in seinen Formen gebildet hat. Wie könnte man dasjenige, was aus dem Grabstättenbau erwächst, was also über der irdischen Grabstätte, über dem in die Erde Gesenkten sich erhebt, wie könnte man das anders gestalten, als indem man die Kräfte der Erdenschwere durch die Dynamik, durch die Bauform bezwingt, indem man in der tragenden Säule, in dem gestützten Balken die Schwerekräfte bemeistert, welche die Kräfte der Erde sind.
Cite:
GA 289/1921-12-30/p041 · edition original