Fünfter Vortrag

GA 293/1919-08-26/p029 ·1919-08-26 · original (original)
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Man kommt in der Betrachtung der menschlichen Seele nur zu einer Einsicht, wenn man auf dem Gebiete stehenbleibt, das ich zu begrenzen versuchte in meinen Auseinandersetzungen sowohl in «Wahrheit und Wissenschaft» wie in der «Philosophie der Freiheit». Dann kann man von der einheitlichen Seele sprechen, ohne daß man dabei in Abstraktionen verfällt. Denn da steht man auf einem sicheren Boden; da geht man davon aus, daß der Mensch sich in die Welt hineinlebt und nicht die ganze Wirklichkeit hat. Sie können das in «Wahrheit und Wissenschaft» und in der «Philosophie der Freiheit» nachlesen. Der Mensch hat anfangs nicht die ganze Wirklichkeit. Er entwickelt sich erst weiter, und im Weiterentwickeln wird ihm das, was vorher noch nicht Wirklichkeit ist, durch das Ineinandergehen von Denken und Anschauung erst zur wahren Wirklichkeit. Der Mensch erobert sich erst die Wirklichkeit. In dieser Beziehung hat der Kantianismus, der sich in alles eingefressen hat, die furchtbarsten Verheerungen angerichtet. Was tut denn der Kantianismus? Er sagt von vornherein dogmatisch: Die Welt, die uns umgibt, haben wir zunächst anzuschauen, und in uns lebt eigentlich nur das Spiegelbild von dieser Welt. So kommt er zu allen seinen anderen Deduktionen. Kant ist sich nicht im klaren darüber, was in der wahrgenommenen Umgebung des Menschen ist. Denn die Wirklichkeit ist nicht in der Umgebung, ist auch nicht in der Erscheinung, sondern es ist so, daß die Wirklichkeit erst nach und nach auftaucht durch unser Frobern dieser Wirklichkeit, so daß das Letzte, was an uns herantritt, die Wirklichkeit erst ist. Im Grunde genommen wäre das die richtige Wirklichkeit, was der Mensch in dem Augenblicke erschaut, wo er sich nicht mehr aussprechen kann, in jenem Augenblicke nämlich, wo er durch die Pforte des Todes geht.

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