Siebenter Vortrag
Ich war einmal in der Lage, einem Mitschüler zuzuhören, nachdem wir beide etwas auseinandergekommen waren. Wir hatten dieselbe Volksschule besucht; ich kam auf die Realschule, er auf das Lehrerseminar, noch dazu auf ein ungarisches, und das wollte in den siebziger Jahren etwas heißen. Wir trafen uns nach einigen Jahren und besprachen uns über das Licht. Ich hatte schon gelernt, was man in der regulären Physik lernen konnte, daß also das Licht etwas zu tun habe mit Schwingungen im Äther und so weiter. Das konnte man wenigstens als eine Ursache des Lichtes ansehen. Mein ehemaliger Mitschüler sagte dazu: Wir haben auch gelernt, was das Licht ist: Licht ist die Ursache des Sehens! - Ein Wortgeplänkel! So werden die Begriffe zu bloßen Worterklärungen. Und man kann sich vorstellen, was damit den Schülern gegeben wurde, wenn man weiß, daß dieser betreffende Herr später selbst als Lehrer an zahlreiche Schüler den Unterricht zu erteilen hatte, bis er pensioniert worden ist. - Wir müssen von den Worten loskommen und müssen an den Geist der Dinge herankommen. Wir müssen nicht gleich, wenn wir etwas begreifen wollen, jedesmal an das Wort denken, sondern wir müssen die tatsächlichen Beziehungen aufsuchen. Wenn wir bei dem Worte «Geist» die Ursprünge dafür in Fritz Mauthners Sprachgeschichte aufsuchen und fragen: Wie tritt zuerst das Wort «Geist» auf? - so werden wir die Verwandtschaft des Wortes Geist mit «Gischt», mit «Gas» finden. Diese Verwandtschaften bestehen, aber es würde nichts Besonderes dabei herauskommen, wenn man bloß darauf bauen wollte. Leider wird gerade manchmal diese Methode kaschiert, umfassend kaschiert in der Bibelforschung angewendet. Daher ist die Bibel dasjenige Buch, das von den meisten Menschen, besonders von den gegenwärtigen Theologen, am allerschlechtesten verstanden wird.
Cite:
GA 293/1919-08-28/p020 · edition original