{"corpus":"steiner","locus":"GA 3/preface/p003","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Unsere Schrift sucht nun den Beweis zu führen, daß für unser Denken alles erreichbar ist, was zur Erklärung und Ergründung der Welt herbeigezogen werden muß. Die Annahme von außerhalb unserer Welt liegenden Prinzipien derselben zeigt sich als das Vorurteil einer abgestorbenen, in eitlem Dogmenwahn lebenden Philosophie. Zu diesem Ergebnisse hätte Kant kommen müssen, wenn er wirklich untersucht hätte, wozu unser Denken veranlagt ist. Statt dessen bewies er in der umständlichsten Art, daß wir zu den letzten Prinzipien, die jenseits unserer Erfahrung liegen, wegen der Einrichtung unseres Erkenntnisvermögens nicht gelangen können. Vernünftigerweise dürfen wir sie aber gar nicht in ein solches Jenseits verlegen. Kant hat wohl die «dogmatische» Philosophie widerlegt, aber er hat nichts an deren Stelle gesetzt. Die zeitlich an ihn anknüpfende deutsche Philosophie entwickelte sich daher überall im Gegensatz zu Kant. Fichte, Schelling, Hegel kümmerten sich nicht weiter um die von ihrem Vorgänger abgesteckten Grenzen unseres Erkennens und suchten die Urprinzipien der Dinge *innerhalb* des Diesseits der menschlichen Vernunft. Selbst Schopenhauer, der doch behauptet, die Resultate der Kantschen Vernunftkritik seien ewig unumstößliche Wahrheiten, kann nicht umhin, von denen seines Meisters abweichende Wege zur Erkenntnis der letzten Weltursachen einzuschlagen. Das Verhängnis dieser Denker war, daß sie Erkenntnisse der höchsten Wahrheiten suchten, ohne für solches Beginnen durch eine Untersuchung der Natur des Erkennens selbst den Grund gelegt zu haben. Die stolzen Gedankengebäude Fichtes, Schellings und Hegels stehen daher ohne Fundament da. Der Mangel eines solchen wirkte aber auch schädigend auf die Gedankengänge der Philosophen. Ohne Kenntnis der Bedeutung der reinen Ideenwelt und ihrer Beziehung zum Gebiet der Sinneswahmehmung bauten dieselben Irrtum auf Irrtum, Einseitigkeit auf Einseitigkeit. Kein Wunder, daß die allzukühnen Systeme den Stürmen einer philosophiefeindlichen Zeit nicht zu trotzen vermochten, und viel Gutes, das sie enthielten, mit dem Schlechten erbarmungslos hinweggeweht worden ist.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Vorrede zur 1. Auflage 1892","site_heading":null,"date":null,"location":null,"word_count":293,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/3/preface/p003","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["MP1993","RSPI1963","SOL2024"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/3/preface/p003"},{"lang":"en","edition":"MP1993","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":false,"locus":"GA 3/pref/p003","anchor_mapped":true,"anchor_method":"vocab","anchor_confidence":"high","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/3/pref/p003?edition=MP1993"},{"lang":"en","edition":"RSPI1963","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"locus":"GA 3/pref/p003","anchor_mapped":true,"anchor_method":"vocab","anchor_confidence":"high","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/3/pref/p003"},{"lang":"en","edition":"SOL2024","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":false,"locus":"GA 3/pref/p003","anchor_mapped":true,"anchor_method":"vocab","anchor_confidence":"high","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/3/pref/p003?edition=SOL2024"}]}