Das Chaos

GA 30/35_chaos/p001 · original (original)

Vor einiger Zeit ist ein höchst merkwürdiges Buch erschienen, das mit ähnlichen literarischen Erscheinungen seines Genres in der Gegenwart das Schicksal teilt, viel zu wenig beachtet zu werden: «Das Chaos in kosmischer Auslese» von Paul Mongré. Es verdient aber ein anderes Schicksal. Wer ungeblendet durch Zeitvorurteile das Buch durchnimmt, wird finden, daß es heute wenig gibt, was so anregend, ja, für den, der sich intensiv für die höchsten Daseinsfragen interessiert, sogar aufregend wirkt. Der Verfasser bekennt, in philosophischen Dingen eigentlich Dilettant zu sein. Er hat keine gründliche Belesenheit in der philosophischen Literatur. Deshalb geht er auch nicht mit der Befangenheit an die Lösung seiner Aufgabe wie viele unserer philosophisch geschulten Zeitgenossen. Das gibt dem Buche etwas Philosophisch-Naives. Paul Mongré gesteht, daß nicht seine Persönlichkeit es ist, die zu dem Problem hingetrieben hat, sondern daß ihn sozusagen das Problem überwältigt hat, daß es an ihn herangetreten ist und ihn nicht losgelassen hat, bis er eine Stellung, ein Verhältnis zu ihm gewonnen hat. Das hat etwas viel Natürlicheres, als wenn jemand durch einen philosophischen Bildungsweg zu einer solchen Aufgabe kommt. Wer von der Philosophie als solcher ausgeht, bei dem müssen wir uns nur allzu oft fragen: wäre dieser Mann denn überhaupt zu seinen Fragen gekommen, wenn er zufällig nicht Philosoph, sondern sagen wir Mediziner oder Chemiker geworden wäre? Und wenn wir dann die Schriften einer solchen Persönlichkeit lesen, dann werden wir immer wieder und wieder durch alles mögliche an diese Frage erinnert. Bei Paul Mongré ist das nicht der Fall. Wir werden vielmehr stets gemahnt, wie machtvoll die aufgeworfenen Fragen auf der Menschenseele lasten, wie sie, gleichgültig was wir sonst im Leben treiben, uns quälen, wie das Verhältnis, das wir zu ihnen gewinnen, unendlich einflußreich für unser Lebensglück ist.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/30/35_chaos/p001.json
Cite: GA 30/35_chaos/p001 · edition original