Das Chaos

GA 30/35_chaos/p009 · original (original)

Wollte ich alle die mathematisch gedachten Einzelheiten besprechen, welche Paul Mongré vorbringt, so müßte ich selbst ein Buch schreiben, mindestens so stark wie das seinige. Ich will aber nur seine Denkweise charakterisieren. Dazu wird es genügen, eine möglichst einfache Sache in dem Sinne zu behandeln, der seine ganze Betrachtungsweise beherrscht. In der Erfahrungswelt, in der wir leben, sehen wir den Sohn auf den Vater, auf den Sohn den Enkel folgen. Dieses Folgen stellt sich im Zeitablauf dar. Wenn wir nun diesen Zeitablauf betrachten, ist in demselben keine andere Folge denkbar als die: Vater - Sohn — Enkel? Denkbar ist auch eine andere. Wir können uns vorstellen, daß es irgendeinen Weltbeschauer gebe, der nicht wie wir vorwärts, sondern rückwärts sehe, also: Enkel — Sohn — Vater. Wieder einen anderen Beschauer könnten wir denken, der folgenden Ablauf sehe: Sohn — Enkel — Vater, einen weiteren: Enkel — Vater — Sohn. So stellt sich, was wir sehen, nur als ein Spezialfall von anderen möglichen, in abstrakto denkbaren Fällen dar. Dehnen wir nun diese Betrachtung in der mannigfachsten Weise auf die ganze uns vorliegende Erfahrungswelt aus, so können wir uns vorstellen, daß alle Geregeltheit, die wir als kosmischen Zusammenhang wahrnehmen, nur ein spezieller Einzelfall unendlich vieler denkbarer Welten sich darstellte. Alle Gesetze, alle Begriffe, die wir auf unsere Welt anwenden, sind nur Spezialfälle. Wohin kommen wir, wenn wir alle kosmische Gesetzmäßigkeit in dieser Weise als Spezialfall vorstellen? Wir kommen dazu, daß in der Unsumme von allgemeinen Welten keines der in unserer geltenden Gesetze statthat, daß darin keiner unserer Begriffe gilt. Wir kommen dazu, sagen zu müssen, daß, wenn wir aus unserer Welt hinaus- und in eine andere hineingehen, wir in die Gesetz- und Regellosigkeit, in das Chaos einmünden. Und zuletzt kommen wir noch weiter. Nichts nötigt die verschiedenen außer uns bestehenden Möglichkeiten (in unserem Beispiel: Sohn — Enkel — Vater; Enkel — Vater — Sohn und so weiter), gerade die bestimmte für uns gegebene besondere Daseinsform anzunehmen (in unserem Beispiele: Vater — Sohn — Enkel zu werden). Ja, es braucht gar keine der denkbaren Möglichkeiten zu existieren. Und da für das Denken die unsrige gar keinen Vorzug hat vor den anderen denkbaren, so braucht auch unsere nicht notwendig zu existieren. Unsere ganze Welt, die wir wahrnehmen, braucht also vor einer höheren Instanz (im transzendenten Sinne, wie es in Paul Mongrés Terminologie heißt) nicht zu existieren. «Warum den Namen scheuen? Unser Idealismus läuft hier, wenn es die letzte Konsequenz gilt, in die scharfe und gefährliche Spitze eines transzendenten Nihilismus aus» (S. 188).

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